Zu Gast im Gefängnis

Forensisches Zentrum Asten, OÖ

Wer sich hier eine Geschichte über „geistig abnorme“ Rechtsbrecher in weißen Zwangsjacken und verängstige Besucher erwartet, muss leider enttäuscht werden.

Denn dies ist eine Geschichte über ganz normale Menschen – innerhalb und außerhalb von Gefängnismauern. Und darüber, wie ein unfreiwilliger Gefängnisbesuch meine Sicht auf die Welt veränderte.

Es war ein heißer Samstagnachmittag im Sommer. Die Sonne brannte vom Himmel auf den schwarzen Beton. Wir standen vor den Mauern der Justizanstalt Asten und rauchten eine Zigarette. Eine Stunde zuvor betraten wir das Gebäude, um Insassen zu besuchen. Für einen von uns war es das erste Mal. „Und?“, Markus Drechsler sah den 18-Jährigen fragend an. Dieser blickte leicht beschämt auf den Boden und antworte zögerlich, mit leiser Stimme: „Ich hab es mir anders vorgestellt. Aufregender. Ein bisschen so wie in Shutter Island. Aber es war eigentlich ganz normal.“ Markus lachte laut auf und sagte: „Ja, ich denke, man könnte viel Geld damit verdienen, wenn man Gefängnisbesuche zu geistig abnormen Rechtsbrechern anbieten würde.“

Nun musste auch ich grinsen. Wenn auch nur ein bisschen, denn insgeheim fühlte ich mich ertappt. Der Dialog erinnerte mich an meinen ersten Besuch, der so eigentlich nie stattfinden hätte sollen. Erst als ich im Auto Richtung Linz fuhr, wurde mir damals bewusst, was dieser Ausflug wirklich bedeutet. Ich war unheimlich aufgeregt, nervös, vielleicht auch ein bisschen ängstlich. Schließlich hatte mir Markus gerade erst erklärt, dass ein Gefängnisbesuch nicht, wie ich es angenommen hatte, eine „Führung“ ist, sondern ein Insassenbesuch.

Obwohl ich mich bereits zuvor intensiv mit dem Maßnahmenvollzug beschäftigt hatte, hatte auch ich diese Bilder vor Augen, die wie automatisch durch den Begriff „geistig abnormer Rechtsbrecher“ hervorgerufen werden. Wie wird das sein, wenn ich ihr dann gegenübersitze? Kann ich überhaupt „normal“ mit ihr reden? Wie wird sie sich mir gegenüber verhalten? Tausend Gedanken rasten durch meinen Kopf, bis ich beschloss, ihnen ein Ende zu setzen und mich einfach darauf einzulassen. Schließlich liegen die wertvollsten Erfahrungen bekanntlich außerhalb der Komfortzone. Also genau da, wo ich mich gerade befand.

Nachdem ich meinen Rucksack abgegeben hatte und nochmals von oben bis unten durchgescannt wurde, öffnete sich die Tür in den Aufenthaltsraum. Ich musste nicht lange warten, bis ich sie entdeckte. Im Grunde sah sie aus wie jedes andere 17jährige Mädchen auch. Schwarze Hose, schwarzes Band-T-Shirt, schwarze Haare. Erst auf den zweiten Blick konnte man ihre Narben an den Unterarmen sehen.

Wir gingen nach draußen und setzen uns ein bisschen abseits auf ein kleines Rasenstück. Wiese wäre wohl übertrieben, aber zumindest den Himmel konnte man von hier aus sehen. Wir verstanden uns auf Anhieb. Sie erzählte mir von sich, von ihrem Leben. Von ihrer Familie, von ihren Freunden, von ihren Lieblingsmusikern. Dinge, die sich in keinem Strafakt finden lassen. Und ich erzählte ihr vom „Leben da draußen“. Vom Donauinselfest, von Konzerten, die ich besucht habe und von meinen Lieblingsmusikern.

Entgegen aller Vorurteile und Erwartungen, die ich hatte, war es ein ganz „normales“ Gespräch. Zumindest bis zu dem Zeitpunkt als die Besuchszeit zu Ende war. Erst dann wurden die Rollen wieder klar. Sie, die Insassin, die hier bleiben musste. Und ich, die Besucherin, die einfach so zur Tür hinausgehen kann, in die Freiheit. Vieles hat sich seit meinem ersten, damals noch unfreiwilligen, Gefängnisbesuch geändert. Etwa das Bild, das ich von „geistig abnormen“ Rechtsbrechern habe. Oder dass ich Freiheit nicht mehr als etwas Selbstverständliches ansehe. Doch das eigenartige Gefühl, aus dieser Tür zu treten, wird wohl immer gleich bleiben.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.