EU-Forschungsprojekt setzt sich für verbesserten Zugang zu klinisch-forensischen Untersuchungen ein

Sensibilisierung für die Rechte von Gewaltopfern, die Notwendigkeit patientenzentrierter Gesprächsführung und ein verbesserter Zugang zu forensischen Untersuchungen sind die Kernanliegen des Forschungsprojekts RiVi. Das aus Mitteln des Justizprogramms (2014-2020) der Europäischen Kommission finanzierte Projekt „Rivi – Rights of Victims of survived bodily harm and improved access to clinical forensic examinations” ist ein Folgeprojekt des JUSTeU!-Projekts. Dieses widmete sich der praktischen und rechtlichen Bedeutung klinisch-forensischer Untersuchungen und erarbeitete Mindeststandards für die Dokumentation.

Tatzeitnahe Befunddokumentation stärkt die Rechte von Gewaltopfern

Damit wichtige Beweismittel für künftige Gerichtsverfahren nicht verloren gehen, ist eine professionelle klinisch-forensische Beweisaufnahme wichtig. Hier setzt das RiVi-Projekt an und forciert die Sensibilisierung des medizinischen Personals für Gewaltspuren. Im Rahmen eines internationalen „Awareness Raising Events“ am 26. November 2020 unterstrich Kathrin Yen, die ärztliche Direktorin des Instituts für Rechtsmedizin und Verkehrsmedizin am Klinikum Universität Heidelberg (DE), dass viele Verletzungen auf den ersten Blick nicht oder nur sehr schwer zu erkennen sein. Der Untersuchung und Dokumentation der gesamten Körperoberfläche komme daher eine entscheidende Rolle zu. Beispielhaft nannte die Ärztin etwa die Bereiche hinter den Ohren, die Bindehaut aber auch die Mundschleimhäute. Verletzungen in diesen Arealen könnten Hinweise auf eine Gewalteinwirkung geben. Für spätere Gerichtsverfahren seien diese Informationen entscheidend.

Online-Training & Video

Um das Wissen des medizinischen Personals betreffend klinisch-forensischer Untersuchen zu vertiefen, wurde vom Klinikum Universität Heidelberg (DE) ein Online-Training entwickelt. Neben detaillierten Erklärungen wird im Rahmen des Trainings auch eine Schritt-für-Schritt-Anleitung gegeben, um die Untersuchungen zu professionalisieren.

Zusätzlich produzierten die internationalen Projektpartner, die Universität Olomouc (CZ), die Medizinische Fakultät Hradec Králové (CZ), das Klinikum Universität Heidelberg (DE), die Medizinische Hochschule Hannover (DE) und die Universität Brescia (IT) einen Kurzfilm. Der Film zeigt, wie entscheidend die Dokumentation und Aufbewahrung von Beweisen für Gewaltopfer ist und soll das Bewusstsein der Öffentlichkeit für die wichtige Rolle des medizinischen Personals für den Opferschutz wecken.

RiVi Short Film

Zugang zu klinisch-forensischen Untersuchungen für Gewaltopfer verbessern

Aufgrund der Relevanz von Beweisen in künftigen Verfahren, setzt sich das RiVi-Projekt für das Recht auf den Zugang zu klinisch-forensischen Untersuchungen ein. Diese können die Entscheidungsmöglichkeiten von Gewaltopfern stärken, etwa in der Frage, ob sie die Gewalttat anzeigen wollen oder nicht. Daher wird im Rahmen des Projekts auch die Wissenserweiterung des medizinischen Fachpersonals zu Opferschutzbestimmungen forciert und über geeignete Unterstützungsangebote informiert.

Gesundheitswesen wichtige Anlaufstelle

Gestützt auf die Befragung von 42.000 Frauen in den 28 Mitgliedsstaaten zeigt eine Erhebung der Agentur der Europäischen Union für Grundrechte (FRA), die 2014 veröffentlich wurde, dass Gewalt gegen Frauen weit verbreitet ist und ca. 60% der Frauen, die Gewalt durch ihren Partner erleben, Hilfe im Gesundheitswesen suchen. Zudem würden 87% der Befragten eine routinemäßige Befragung von Frauen, die bestimmte Verletzungen aufweisen, durch das medizinische Personal befürworten.

Routinescreening im Landeskrankenhaus, Universitätsklinken Innsbruck Tirol

Als erstes großes Krankenhaus in Österreich hat das Landeskrankenhaus – Universitätskliniken Innsbruck 2019 ein solches Routinescreening eingeführt. Während der Ersteinschätzung (sog. Manchester Triage) werden in der Zentralen Notaufnahme sowie der Ambulanz der Allgemeinen Chirurgie allen Patient*innen drei Fragen gestellt:

  • Weiß jemand, dass Sie hier sind?
  • Soll jemand nicht wissen, dass sie hier sind?
  • Gibt es jemanden, der Ihnen Unbehagen bereitet oder Angst macht?

„Das standardisierte Ansprechen möglicher Gewalterfahrungen zeigt neben einer höheren Sensibilisierung des medizinischen Fachpersonals weitere positive Effekte“, erklärt Thomas Beck, Psychologe und Leiter der Opferschutzgruppe der Klinik Innsbruck und führt aus: „Das routinemäßige Ansprechen möglicher Gewaltwiderfahrnisse stellt unserer Ansicht nach einen weiteren Beitrag zur Enttabuisierung des Themas ‚häusliche Gewalt‘ dar. Es ist ‚normal‘ danach zu fragen und gehört zur Routine. Damit wird auch deutlich, dass das Erfragen von Gewaltwiderfahrnissen ein notwendiger Teil der Anamnese ist, um einen umfassenden Überblick über die physische und psychische Gesundheit der Patientinnen und Patienten zu erhalten.“

Anlässlich der „16 Tage gegen Gewalt an Frauen“, die jährlich zwischen dem 25. November (Internationaler Tag gegen Gewalt an Frauen) und dem 10. Dezember (Internationaler Tag der Menschenrechte) stattfinden, unterstrichen die Vortragenden des „Awareness Raising Events“ einmal mehr die entscheidende Bedeutung der vernetzten, interdisziplinären Zusammenarbeit zwischen medizinischen Personal und anderen relevanten Akteuren wie Polizei, Justiz und Opferschutzeinrichtungen.

Weitere Informationen zum Projekt

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