Studieren hinter „Schwedischen Gardinen“

Ein verurteilter Doppelmörder berichtet über die etwas andere Art zu studieren.

Kristijan H., 39, verurteilt zu 20 Jahren Freiheitsstrafe, verbüßt seine Häfn-Zeit derzeit in der Justizanstalt Suben und sagt: „Ich bin sehr dankbar für die 2. Chance, die ich durch dieses Urteil (Anm.: keine lebenslange Freiheitsstrafe) erhalten habe und dadurch die Möglichkeit habe, hier im Haus studieren zu dürfen“.

Die Vorbereitung zur Zulassung

Mit einer „lebenslangen“ Freiheitsstrafe wäre ein Studium unter den derzeitig vorhandenen Möglichkeiten hier in der Justizanstalt nicht gestattet. Der Weg bis hierher war aber alles andere als einfach und musste über mehrere Monate vorbereitet werden. Der große Unterschied zu all jenen StudentInnen in Freiheit liegt im Wesentlichen darin, dass ich mich für das Studium quasi bewerben musste und im Vorfeld nicht nur meine Qualifikation nachweisen musste, sondern auch ein „Hearing“, damals noch in der Justizanstalt Garsten, mit den heute Verantwortlichen absolviert habe. Dem nicht genug, liefen im Hintergrund einige Genehmigungsverfahren von denen man Justizanstalt als Insasse so nichts mitbekommen hat.

Nachdem die Justizanstalt Garsten die notwendigen Räumlichkeiten, Voraussetzungen und vor allem aber die personellen Ressourcen nicht aufbringen konnte oder wollte, sondern diese ausschließlich in der Justizanstalt Suben vorhanden waren bzw. auch noch heute sind, musste meine Vollzugsortänderung von der Generaldirektion genehmigt werden, da die Justizanstalt Suben für Freiheitsstrafen zu 10 Jahren eingerichtet ist und mit meiner damals noch offenen Strafdauer von mehr als 17 Jahren diese bei weitem überschritten war. Somit musste das ach so sensible Thema „Sicherheit und Ordnung innerhalb der Anstalt“ dementsprechend thematisiert und geregelt werden.

Auch wenn sich der österreichische Staat zum „Humanen Strafvollzug“ bekennt, ist es doch alles andere als selbstverständlich, in Haft zu studieren. Da hilft es auch nicht, dass im § 20 des Strafvollzugsgesetzes der Zweck des Strafvollzuges niedergeschrieben ist, und selbst der Verwaltungsgerichtshof insbesondere die Resozialisierung des Verurteilten als wesentlichen Grundsatz des Strafvollzuges erkannt hat!

Herausforderung: Kommunikation

Es gibt eine Vielzahl an Hindernissen und Schwierigkeiten, welche sich erst im Laufe des Studiums ergaben und mit Sicherheit auch in Zukunft sich noch ergeben werden. Ein Fernstudium an sich ist Justizanstalt schon schwieriger als ein Studium an einer normalen Uni. Dann noch das Ganze aus der Haft heraus ist eine Herausforderung der besonderen Art, die ohne externe Unterstützung und Mithilfe der verantwortlichen JustizwachebeamtInnen überhaupt unmöglich wäre.

Die größte Herausforderung liegt hierbei eindeutig bei der „Aufrechterhaltung der Sicherheit und Ordnung innerhalb der Anstalt“. Die Fragen, die hier bei jedem einzelnen Modul pro Semester aufs Neue bewertet werden müssen, ist der Umfang der Nutzung von elektronischen Hilfsmitteln, insbesondere der Nutzung von modernen Kommunikationsmitteln. Wie viel „Freiraum“ benötigt er tatsächlich, und wie viel wollen wir ihm auch einräumen? Kann bei dem derzeit eingeschränkten Internetzugang ein Missbrauch seitens des Studierenden erfolgen?

Auf der Fernuniversität in Hagen wird seitens der einzelnen Lehrstühle immer darauf verwiesen, sich in kleineren Gruppen zusammen zu tun, um gemeinsam zu lernen und sich auszutauschen. Dies ist dann doch ziemlich deprimierend, wenn ich in den freigeschalteten (ausschließlich nur Leserechte) Foren mitbekomme, wie sich eine Vielzahl von Lerngruppen formiert hat und die anderen StudentInnen von diesen Möglichkeiten auch massiv profitieren. Ein wesentlicher Vorteil, der mit nichts aufzuwiegen ist!

Ein „normaler“ Student in Freiheit nimmt heute sein Mobiltelefon und postet in diversen Foren Anliegen und erhält innerhalb kürzester Zeit eine Antwort von seinen KommilitonInnen bzw. spätestens bei der nächsten Vorlesung kann er zu seinem Uniprofessor gehen und Fragen stellen oder trifft sich einfach mit den Mitstudierenden. Dies alles ist absolut undenkbar und bleibt ein Wunschtraum für die Zukunft.

Herausforderung: Lernmaterial

Ein Problem bei der Bereitstellung der Lernunterlagen bzw. weiterführender Literatur liegt in meinem Fall leider auch an der Fernuniversität selbst. Derzeit und wahrscheinlich auch noch in den nächsten Jahren werden, je nach Lehrstuhl, die Daten in unterschiedlichen Formaten (verlinkt mit dem Uni-Server, PDFs, mp4 etc.) zur Verfügung gestellt. Was wiederum zu einem sehr großen Problem hier im Haus führt, da Justizanstalt immer nur ganz bestimmte Seiten im Internet geöffnet werden dürfen. Spielt ein Lehrstuhl neue Daten ein und verlinkt diese auf eine andere Seite, oder hat eine Softwareaktualisierung stattgefunden, dann steht man zunächst mal an. Hier müssen dann erst die Justizwachebeamten wieder aktiv eingreifen und eine Freigabe für den weiterführenden Link beantragen oder die Einstellungen am Computer entsprechend der Softwareaktualisierung aus Hagen anpassen. Jenes Unternehmen, welches für die Bereitstellung des Internetzuganges verantwortlich ist, muss sich in weiterer Folge mit der Fernuniversität zusammenschließen um gemeinsam eine Lösung zu finden. Extrem aufwendig, kompliziert und leider nicht immer innerhalb der benötigten Zeit erledigt. Die Abgabefristen für diverse Vorarbeiten lassen sich Justizanstalt nicht verschieben, nur weil ein Inhaftierter nicht rechtzeitig die notwendigen Unterlagen hatte. Da gilt es, das Beste aus der Situation zu machen.

Herausforderung: Lehrveranstaltungen

Präsenzveranstaltungen sind sowieso derzeit noch undenkbar. Was vielleicht der gelungenen Flucht des „Tibor Foco“ geschuldet ist. Man muss die Kirche im Dorf lassen. In meinem Fall wird dies sowieso nie der Fall sein, da ich darüber hinaus in Deutschland studiere. Es gibt zwar schon heute Pflichtarbeitsgemeinschaften, welche eine Zulassung zur Klausur darstellen, jedoch wird seitens der Lehrstühle eine Online-Teilnahme ermöglicht. Die Teilnahme ist verpflichtend und wird seitens der Uni auch mittels Anwesenheitsliste überprüft.

Hierzu wird ein eigener Zugang von der Fernuniversität bereitgestellt, der dann am Tag dieser Pflichtveranstaltung freigeschalten wird. Dies wiederum stellt ein Problem dar, da die BeamtInnen im Haus die Freischaltung Justizanstalt nicht im Vorfeld beantragen können. Die Lösung hierzu ist alles andere als einfach und wird von den Verantwortlichen zum Teil auch außerhalb ihrer Arbeitszeit erledigt. Für den Tag der Lehrveranstaltung wird ein Computer im Haus separat von der IT vorbereitet und mit einem Beamer und Lautsprechern in einem anderen Raum verbunden. In diesem Nebenraum werde ich dann für die Dauer der Pflichtarbeitsgemeinschaft eingesperrt. Ich kann ausschließlich „passiv“ (der Vortragende wird zu Beginn der Veranstaltung über die besonderen Umstände hier in Haft informiert und weiß, dass ich nur zuhören darf) daran teilnehmen, da die Eingabegeräte nicht im Raum sind.

Darüber hinaus muss jener Beamte bei der IT in der Justizanstalt Wien-Josefstadt anrufen und den Link so quasi „just in time“ freischalten lassen. Diese Freischaltung ist auf 5 Stunden begrenzt und muss bei einer länger benötigten Dauer wiederholt werden. Wie schon gesagt: „Ohne die Mithilfe seitens der JustizwachebeamtInnen ist ein Studium unmöglich!“

Herausforderung: Aktualität der Lehrinhalte

Insbesondere das Studium der Rechtswissenschaften lebt von den laufenden Entwicklungen, gekennzeichnet durch aktuelle Rechtsprechung und neuen Erkenntnissen. Hier auf dem letzten Stand zu bleiben, ist heute noch unmöglich. Wenn sich unsere Verantwortlichen nicht die Zeit nehmen würden bzw. auch in deren Freizeit uns hierfür ihre Unterstützung anbieten würden, dann ist hier spätestens ein Punkt erreicht, an welchem man mit Qualitätsansprüchen bzgl. des Notenschnittes endgültig abschließen muss.

Daher gilt vorrangig: „Hauptsache bestanden‘“, egal welche Note dabei rauskommt, was mir auch sehr entgegenkommt, da ich noch nie sehr großen Wert auf besonders gute Noten gelegt habe. Letztendlich wird nie jemand nach meiner Note im Fach BGB AT fragen? Hoffe ich halt! Darüber hinaus ist es auch für die Damen und Herren der Justizanstalt irrelevant, mit welchem Notendurchschnitt ich durchs Studium komme. Nachdem ich derzeit auch noch der einzige bin, welcher das Studium der Rechtswissenschaften in Angriff genommen hat, habe ich auch noch keinen internen Konkurrenzdruck. Sollte dies in Zukunft anders werden, kann das nur zum Vorteil aller werden und wir hätten mit einem Schlag eine eigene Lerngruppe.

Herausforderung: Kosten

Was natürlich dann auch hinzukommen würde, wäre die Möglichkeit, sich die Kosten zu teilen, was kein unwesentlicher Faktor für ein Studium darstellt. Derzeit muss ich mir zusätzliche Bücher, Lehrbücher aus den jeweiligen Fachbereichen und natürlich die dazugehörigen Gesetze in der letztgültigen Fassung um teures Geld kaufen. Wer bereits Jus studiert hat bzw. gerade dabei ist, kann auch ein Lied davon singen.

Auch in Haft bleibt einem die Studiengebühr nicht erspart, sodass ich derzeit ca. 250 Euro pro Semester für die Belegung der Module bezahle und darüber hinaus noch einmal den gleichen Betrag und mehr für die Fachliteratur. In Summe entsprechen meine Ausgaben ausschließlich für das Studium (Stromkosten, Druckkosten sowie diverse Büroartikel) in etwa meinem Arbeitsverdienst hier im Haus. Da brauche ich kein Genie sein, um festzustellen, dass ein Leben in Haft ohne zusätzliche finanzielle Unterstützung von Familienangehörigen und/oder Freunden absolut unmöglich ist.
Ich glaube, dass dieses Problem aber auch die meisten Studenten in Freiheit haben.

Fazit

Das Wesentlichste überhaupt ist, dass ich „aktiv“ am Prozess der Resozialisierung teilnehme. Für mich ist es nicht nur ein guter und sinnvoller Beitrag dazu, sondern auch ein vernünftiger Zeitaufwand, der den Häfn-Alltag um einiges erträglicher gestaltet, selbst dann, wenn man nicht gerne büffelt.

Selbstverständlich ist es auch ein sehr wichtiger Punkt für die Zukunftsplanung. Wenn man die aktuelle Lage am Arbeitsmarkt beobachtet (sofern man hier von beobachten reden kann), muss ich mir heute schon konkrete Gedanken über meine Zukunft nach meiner Entlassung machen. Das bisschen Geld, welches mir von meiner Rücklage bleibt, derzeit knapp über 5.000 Euro nach allen Pfändungen, wird bei weitem nicht für den Aufbau eines neuen Lebens reichen. D.h., dass ich nach 20 Jahren in Haft mit maximal diesem Betrag entlassen werde. Ob diese Pfändungsgrenze sinnvoll ist, bleibt zu hinterfragen. Dies zu lösen ist jedoch Aufgabe der Politik. Wenn sich dahingehend nichts verändert (zB.: Abschaffung der Pfändungsgrenze), heißt das im Konkreten, dass ich aus der Betreuung des Justizministeriums schnurstracks in die Mindestsicherung (Sozialministerium) falle. Wollen wir das wirklich?

Bleibt abzuwarten in welche Richtung sich der Österreichische Strafvollzug verändert und welche Auswirkung dies auf mein Leben hinter „Subener Gardinen“ hat.
Kristijan H.

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