Sind wir Messerstechern & Seekillern ausgeliefert?

Jener Mann, der seine Verlobte in Wien erstochen haben soll, hätte nicht auf freiem Fuß sein dürfen. Kein Einzelfall, sondern eine gefährliche Tendenz.

Quelle: heute/Sabine Hertel

Journalisten sind naturgemäß nahe an Ereignissen. An den schönen ebenso wie an den hässlichen, den verstörenden, den unerklärbaren. Unser Job ist es, vor Ort zu recherchieren, Hintergründe zu Tage zu fördern, im Täter- und Opferumfeld auf Spurensuche zu gehen. Im besten Fall gelingt es, in der Biografie der Verdächtigen den Punkt auszumachen, an dem sie – aus welchem Grund auch immer – auf die kriminelle Bahn abgebogen sind.

Eine Aufgabe scheint verstärkt hinzuzukommen: den Punkt zu finden, an dem sich Straftäter den Behörden entziehen konnten. Blicken wir dazu nur auf das letzte halbe Jahr.

Der mutmaßliche Messerstecher vom Praterstern? Er kam – trotz eines negativen Asylbescheids – nach der Verbüßung einer Gefängnisstrafe wegen Drogenhandels nicht in Abschiebehaft und konnte in Wien als „U-Boot“ leben. So lange, bis er im März auf eine zufällig vorbeispazierende Familie und seinen Drogendealer mit einem Kampfmesser losging – „weil ich in einer schlechten, aggressiven Stimmung war“.

Der dringend tatverdächtige Seekiller? Er wurde als mehrfach vorbestrafter Gewaltverbrecher nach 32 Jahren im Oktober 2016 bedingt entlassen. Trotz sadistischer Tendenzen und einer hohen Rückfallgefahr kam ein Gutachten zum Schluss, dass sein Aggressionspotential abgenommen habe. Eineinhalb Jahre später soll er eine Zufallsbekanntschaft erwürgt und zerstückelt haben – „weil sie im Schlafzimmer lachte und zu schreien begann“.

Der Mann, der am Wochenende seine Verlobte erstochen haben soll? Hätte ebenfalls längst im Gefängnis sitzen müssen. Er hatte eine neunmonatige Haftstrafe offen. Da er im Irak in Folterhaft gewesen war, empfahl eine Gutachterin in Österreich Krankenhaus statt Haft. Das Gericht stieg daraufhin sogar auf eine Fußfessel ein. Die holte sich der Mann allerdings nie ab – und soll stattdessen am Samstag in der Wiener Leopoldstadt blutig ausgerastet sein.

Exekutive muss machtlos zusehen

Wer beschützt uns vor diesen Menschen? Früher hätte man gesagt: die Polizei. Heute muss man die Frage stellen: Wer beschützt uns vor Gutachtern, die brandgefährlichen Menschen die Freiheit ermöglichen – und den Polizisten, die unermüdlichen ihren Job machen und in Wien nahezu jeden Mord innerhalb kürzester Zeit klären – Arbeit aufhalsen?

Arbeit im Dunklen statt Qualitätsfeuerwerk

Was es jetzt bräuchte? Endlich einheitliche Qualitätsstandards bei Gerichtsgutachten. Wenn es um Haftentlassungen geht, weisen diese laut einer Studie der Universität Ulm häufig schwere Mängel auf. Psychiater werden für ihre Dossiers sehr dürftig bezahlt. Ihre Motivation dürfte daher mitunter überschaubar sein.

Und was macht die die Justiz? Am liebsten im Dunklen so weiter wie bisher. Unlängst ärgerte sich eine Staatsanwältin heftig darüber, dass Medien (unter anderem „Heute“) bei einer Tatrekonstruktion dabei waren. Kommuniziert und begründet wird nahezu gar nichts. Wozu auch. Die Bevölkerung würde viele Entscheidungen – wie die oben exemplarisch angeführten – ohnehin nicht verstehen.

Gefährlich ist das allemal. In einer Gesellschaft gelten Regeln. Wer diese bricht, muss damit rechnen, hart bestraft zu werden. Wenn jedoch die Bevölkerung nicht mehr damit rechnen kann, vor tickenden Zeitbomben beschützt zu werden, wird sie das Vertrauen in den Rechtsstaat verlieren. Und das wäre brandgefährlich.

Für alle angeführten Verdächtigen gilt die Unschuldsvermutung.

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