Rezension: Aug in Aug mit dem Bösen

True Crime: Spektakuläre Verbrechen aus der Praxis einer Strafverteidigerin

© Seifert Verlag

Eine amerikanische Studentin wird tot aufgefunden, verdächtigt wird ein Asylbewerber. Eine Mutter ersticht ihre Tochter, als die Zwangsräumung aus der Wohnung ansteht. Ein Sohn tötet brutal seine Eltern, die er jahrelang gepflegt hat. Das sind nur drei der insgesamt elf Fälle, die in Astrid Wagners Buch „Aug in Aug mit dem Bösen“ Platz gefunden haben. Die Strafverteidigerin berichtet darin über einige ihrer spektakulärsten Fälle der letzten Jahre.

Über viele dieser Verbrechen wurde medial berichtet und sie sind somit den LeserInnen bereits bekannt, andere Fälle haben es nicht bis in die Nachrichten geschafft. In elf Kapiteln erfährt man jedoch Details, die auch den Medien nicht bekannt waren. Da Astrid Wagner als Strafverteidigerin engen Kontakt mit ihren KlientInnen hatte und auch mit Bekannten und FreundInnen Gespräche geführt hat, werden viele persönliche Details von Opfern und TäterInnen im Buch erwähnt. Um die Identität der Beteiligten zu schützen, wurden Namen, Wohnort etc. verfremdet, Details der Handlungen modifiziert und auch teilweise fiktive Elemente eingefügt, um eine in sich stimmige Geschichte zu schaffen.

Ohne zu verurteilen schreibt Wagner in klarer Sprache über die Hintergründe der Taten, die Lebensgeschichten von Opfern und TäterInnen, sowie über die Verhandlungen bis hin zur Verurteilung. Auf die Frage nach der Motivation solch ein Buch zu schreiben, antwortet die Autorin, dass das Schreiben schon seit ihrer Kindheit ihre Leidenschaft sei und sie mit dem Buch Menschen etwas vermitteln möchte. „Ich bin gegen das Schwarz-Weiß-Denken und gegen Vereinfachungen. Mir ist es wichtig, das Menschliche hinter dem Täter zu zeigen, ohne zu beschönigen und das ohne gehobenen Zeigefinger“. Die Fälle habe sie nach persönlichen Kriterien ausgewählt: Fälle die sie berührt und seelisch beschäftig haben, haben es in das Buch geschafft.

Neben privaten Details zeigen auch Auszüge aus Polizeiprotokollen und Obduktionsberichten sowie Gutachten, wie grausam viele dieser Verbrechen verübt wurden, was, passend zum Titel des Buches, die Frage aufwirft, ob es das Böse als Person gibt. Astrid Wagner hat darauf eine klare Antwort: „Es gibt kein personifiziertes Böses. Einen Menschen, der durch und durch böse ist, habe ich in meiner Karriere noch nicht getroffen. Kein Mensch ist nur böse, es können jedoch Gefühle die Oberhand gewinnen und dann werden böse Dinge begangen. Gewaltdelikte sind oft Ausbrüche von Gefühlen, mit denen jahrelang nicht richtig umgegangen wurde“.

In „Aug in Aug mit dem Bösen“ gewährt die Autorin aber auch Einblicke in ihre eigene Gefühlswelt. Das Buch und ihre Arbeit als Strafverteidigerin reflektieren ihre eigene Persönlichkeit. Wagner schreibt über persönliche Gründe, Fälle anzunehmen und auch über Zweifel, ob sie Fälle abgeben soll. Im Interview erzählt sie, dass es auch Fälle gibt, die sie nicht annehmen würde, „Kinderschänder sind auch ein sehr problematisches Thema, auch wenn die Täter oft auch Opfer waren, muss ich dann doch an die Kinder denken, die ein Leben lang damit umgehen müssen“.

Die brutalen Einzelheiten vieler Fälle lassen die LeserInnen nach Beendigung des Buches mit einem bedrückenden Gefühl zurück. Auf die Frage, wie man sich als Anwältin emotional davon distanzieren kann, erklärt Wagner, dass sie damit sehr gut umgehen könne, sie habe zum Beispiel keine Albträume. Eine liebevolle Mutter und eine schöne Kindheit haben ihr eine psychische Grundstabilität gegeben, die es ihr ermöglicht, sich von den Fällen zu distanzieren. „Diese bedingungslose Liebe in der Kindheit fehlt bei vielen meiner Mandanten, dieses Urvertrauen, das man schwer nachholen kann“.

Fazit

„Aug in Aug mit dem Bösen“ ist für jede Person empfehlenswert, die mehr als nur die Schlagzeile über ein Verbrechen erfahren will. Die elf Fälle zeigen, dass sich hinter jeder Schlagzeile eine komplexe Geschichte verbirgt, die der Öffentlichkeit in diesem Ausmaß oft nicht bekannt ist. Die Entscheidung, ob es das Böse gibt, bleibt den LeserInnen überlassen.

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