Zu diesem Schluss kommt eine kürzlich unter dem Titel „Scaring or scarring? Labour market effects of criminal victimisation” veröffentlichte Studie, die von Frau Professor Anna Bindler, Ökonomin des Excellenzclusters „ECONtribute: Markets & Public Policy“ der Universitäten Köln und Bonn, gemeinsam mit Nadine Ketel, Assistant Professor an der Freien Universität Amsterdam, durchgeführt wurde.

Die beiden Wissenschaftlerinnen haben dazu die anonymisierten Daten aus über 800.000 polizeilich registrierten Akten von Kriminalitätsopfern in den Niederlanden der Jahre 2005 bis 2016 ausgewertet. Durch die Verbindung mit Arbeitsmarktdaten konnten die weitreichenden Auswirkungen in Bezug auf die Einkommensentwicklung oder die Abhängigkeit von Sozialleistungen belegt werden.

Ende Oktober wurde die Studie im englischsprachigen Podcast „Probable Causation“ vorgestellt. In ihren einleitenden Worten: „We know little of what happens to the victims of crime”, verwies Professorin Bindler auf die nur begrenzt vorhandene Literatur und den Mangel an Daten zu diesem Thema. In Hinblick auf Fragen der Korrelation sei zudem die Verwendung der verfügbaren Daten, wie etwa Umfragedaten, Kriminalitätsstatistiken oder auch Daten zu Krankenhausaufenthalten, nicht problemlos möglich.

Um diese Forschungs- und Wissenslücke zu schließen, geht die Studie daher drei grundsätzlichen Fragestellungen nach. Zunächst wurde untersucht, welche Auswirkungen auf Arbeitsmarktergebnisse (insbesondere Einkommen) und die Abhängigkeit von Sozialleistungen festgestellt werden können. Die zweite Frage untersuchte den Zeithorizont dieser Auswirkungen. Abschließend interessierte die Forscherinnen, warum es diese Effekte gibt.

Die Studienergebnisse

Die Studienergebnisse weisen darauf hin, dass Männer und Frauen, die Opfer von Kriminalität wurden, weniger verdienen als vor der Tat: bis zu 10,4 % bei Gewaltverbrechen und 12,9 % bei Eigentumsdelikten. Zusätzlich nimmt die Abhängigkeit von Sozialleistungen zu: bis zu 6 % bei Gewaltverbrechen, bis zu 4,3 % bei Eigentumsdelikten und  bis zu 41,7 % bei häuslicher Gewalt. „Die Verdienstausfälle und die Zunahme der Abhängigkeit von Sozialleistungen dauern über einen längeren Zeitraum (bis zu vier Jahre und länger) an, was darauf hinweist, dass eine Viktimisierung ein Ereignis mit lang anhaltenden Konsequenzen ist“, so die Studie.

Der Verdienstrückgang ist bei Frauen über alle Straftaten hinweg höher als bei Männern. So verdienen Frauen ein Jahr nach einem Gewaltverbrechen bis zu 10,4 % weniger, Männer bis zu 7,5 %. Ein ähnliches Bild zeigt die Auswertung auch für Eigentumsdelikte: Frauen verdienen bis zu 12,9 % weniger, Männer bis zu 8,4 %. Als Gründe für den Verdienstrückgang werden unter anderem ein Wechsel zu schlechter bezahlten Stellen oder ein Verlust des Arbeitsplatzes aufgrund körperlicher und/oder mentaler Folgen genannt.

Nach Schätzung der Autorinnen sind die Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt beträchtlich und summieren sich, basierend auf Daten von insgesamt 241.080 Opfern in den Jahren 2007 – 2016, allein für das erste Jahr nach einer Körperverletzung auf etwa 366 Millionen Euro an Verdienstausfällen und 1,45 Millionen Tage, an denen Sozialleistungen bezogen werden.

Der Podcast kann unter https://www.probablecausation.com/index nachgehört werden.

Die Studie von Anna Bindler und Nadine Ketel: „Scaring or scarring? Labour market effects of criminal victimisation“, wurde hier veröffentlicht: https://selten.institute/RePEc/ajk/ajkdps/ECONtribute_030_2020.pdf 

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