Mutter sein im Gefängnis

Ein Kind zu bekommen und es aufzuziehen ist für jede Frau eine Herausforderung. Was bedeutet das für Mütter, die in Haft gehen? Eine Reportage aus dem Frauengefängnis Schwarzau in Niederösterreich.

Es ist zehn Uhr vormittags in der Justizanstalt Schwarzau am Steinfeld in Niederösterreich. Abteilungskommandantin Regina Grabenweger sperrt die Eisentür zu einem großen quadratischen Innenhof auf. Die barocken Fassaden des Hofes leuchten hell in der Sonne. An einer Mauer sitzen zwei Frauen auf einer Bank, eine hält einen Kinderwagen. Auf einem Kiesweg durch das Gras geht es zu Grabenwegers Abteilung, der Mutter-Kind-Abteilung im einzigen Frauengefängnis Österreichs.

Gang in der Mutter-Kind-Abteilung der JA Schwarzau (NÖ)

In der Mutter-Kind-Abteilung in der Justizanstalt im Schloss Schwarzau leben derzeit sechs Frauen mit jeweils einem Kind. Das jüngste ist gerade einen Monat alt, das älteste 18 Monate. „Die meisten Frauen kommen bereits mit dem Säugling hierher“, erzählt Grabenweger. Sie entbinden in der U-Haft, etwa in der Justizanstalt Josefstadt. Erwartet eine Frau ihr Kind im Gefängnis in Schwarzau, wird sie vor dem Geburtstermin ins Krankenhaus Wiener Neustadt gebracht. Sie entbindet dort unter Aufsicht von zwei Justizwachebeamtinnen, die Tag und Nacht bei ihr sind. Schließlich gehe es um die sichere Verwahrung der Strafgefangenen, erklärt Grabenweger, auch im Kreißsaal.

Für Schwangere in Haft gelten dieselben Bestimmungen wie für jene in Freiheit, wie etwa der Mutterschutz. Die Frauen werden regelmäßig zu Ultraschalluntersuchungen in eine Ordination gebracht. Ihre Gewichtszunahme wird kontrolliert, Hebammen kommen ins Haus. Schwierig sei die erste Zeit nach der Geburt, sagt die 52-jährige Abteilungsleiterin. „Wir müssen aufpassen, dass uns die Frauen nicht in eine Wochenbettdepression fallen.“

Die Tür zur Mutter-Kind-Abteilung ist bis zum Einbruch der Dunkelheit geöffnet. Die Frauen können jederzeit in den Hof gehen. Auch die Türen zu den Hafträumen bleiben offen, damit die Frauen in der Nacht ihre Kinder versorgen können. Jede hat einen Schlüssel zu ihrem Raum. Es gibt drei Einzelzimmer und zwei Zweibettzimmer. Den Gang entlang stehen Kinderwägen neben den Türen. Die Wand ist bunt bemalt. An der anderen Wand stehen Blumentöpfe auf den Fensterbänken. Regina Grabenweger öffnet die Tür zu einem Haftraum. Die Vorhänge sind zu, das Licht ist gedämpft. Ein kleiner Bub schläft in einem Gitterbett. Grabenweger zeigt auf ein Foto des Buben an einer Pinnwand. „Wir machen regelmäßig Fotos von den Kindern, damit die Mütter sie per Post verschicken können.“ Einige Frauen werden von niemandem besucht, da ihre Angehörigen im Ausland leben. Kontakt zum Kindesvater haben aber alle Frauen, manche nur telefonisch oder per Brief.

Schwierige familiäre Konstellationen

Die Mutter-Kind-Abteilung in Schwarzau wird im Wohngruppenvollzug geführt. Die Mütter sitzen vorwiegend wegen Eigentumsdelikten, wie Einbruch oder Diebstahl, ein. Wird eine Frau zu drei Jahren Haft verurteilt, darf sie das Kind bis zum dritten Lebensjahr behalten. Bei einer Strafdauer von über drei Jahren muss sie das Kind an seinem zweiten Geburtstag aus dem Gefängnis geben. Die Altersgrenze sei eingeführt worden, weil für ein Kind ab drei Jahren die Kontakte zur Außenwelt wichtiger werden, erklärt der Anstaltsleiter Gottfried Neuberger. „Auch, wenn wir alles tun, damit ein Kind normal aufwächst, wir können ihm nicht vermitteln, wie es ist, mit der U-Bahn zu fahren oder mit jemandem über die Kärntner Straße zu gehen.“

In der Regel wird bereits vom Gericht geprüft, ob es für das Kind außerhalb des Gefängnisses eine Unterbringungsmöglichkeit gibt. „Die meisten Frauen kommen aus nicht ganz einfachen Konstellationen“, sagt Helmut Maier, Leiter des Sozialdienstes. Die Herkunftsfamilien seien zerrüttet, der Kindesvater nicht selten kriminell. Gemeinsam mit dem Jugendamt und der Mutter prüft der Sozialdienst, wohin das Kind kommen soll. Die Frauen wollen ihr Kind eher behalten und in die Haft mitnehmen. „Die Mutter sollte eine solche Verbindung zum Kind haben, dass sie in Haft übernommen werden kann.“ Letzten Endes entscheidet das Jugendamt im Einklang mit der Anstaltsleitung, ob Mutter und Kind in der Abteilung bleiben dürfen. „Für das Jugendamt zählt in erster Linie das Kindeswohl“, ergänzt Gottfried Neuberger. Nur, wenn eine Frau beim Jugendamt amtsbekannt ist und bereits einmal ein Kind abgenommen wurde, könne es für sie schwierig werden, in die Mutter-Kind-

Abteilung aufgenommen zu werden. Auch eine Haftstrafe von mehr als drei Jahren bedeute eine Herausforderung. Bevor die Frauen ihr Kind mit zwei Jahren abgeben, lassen sie es bisweilen gleich außerhalb des Gefängnisses unterbringen, vermutet Neuberger. Derzeit seien alle Mütter auf der Station bis zu drei Jahren inhaftiert.

„Darf ich das Kind behalten?“

Am Ende des Ganges in der Mutter-Kind-Abteilung befindet sich der Gemeinschaftsraum. Ein Bub in Leiberl und Windelhose krabbelt aus der Tür. Drinnen sitzen zwei Frauen an einem Tisch. Eine von ihnen ist Amina. Die Mittdreißigerin lebt seit einem Jahr in Schwarzau und muss noch zwei Jahre absitzen. Auf einer Matratze neben der Kochnische spielt ihr Sohn. „Vor einer Woche ist er ein Jahr alt geworden.“ Der Kleine läuft bereits aufgeweckt herum, mitunter auch in das Büro der Abteilungskommandantin. Bei ihrer Verurteilung war ihre größte Sorge, ob sie ihren Bub behalten durfte, erzählt Amina. Sie wurde mit dem Säugling aus der U-Haft nach Schwarzau überstellt. Das Jugendamt kam vorbei. Die Entscheidung fiel rasch. Sie durfte mit dem Kind bleiben.

Amina nimmt den Bub auf ihren Schoß. „Momentan haben es ihm die Gurken angetan“, erzählt sie. „Er liebt es, sie zu ernten.“ Neben dem Spielplatz hinter der Anstalt haben die Frauen der Abteilung ein Gemüsebeet angelegt, das sie mit ihren Kindern regelmäßig unter Aufsicht der Beamtinnen besuchen. Einmal im Monat hat Amina Ausgang. Dann fährt sie mit ihrem Sohn zu ihren Eltern nach Wien, wo auch ihre vierjährige Tochter lebt. „Um 15.00 Uhr darf ich von hier weg und um nächsten Tag um 15.00 Uhr muss ich wieder zurück sein.“ Da bleibe ihr nicht viel Zeit für ihre Tochter. Amina besucht auch ihren Mann. Er ist in einer Anstalt nicht weit von Schwarzau inhaftiert.

„Die Frauen begehen die Verbrechen oft aus Liebe“, meint Regina Grabenweger. „Sie wollen ihrem Partner helfen, ihm gefallen und lassen sich zu Dingen überreden, die ihnen zum Verhängnis werden.“ Einmal in Haft, würden sich die Herkunftsfamilien nicht selten von den Frauen lossagen. „Für eine Frau ist es immer noch ein größeres Stigma inhaftiert zu sein, als für einen Mann“, erklärt Grabenweger. Amina steigen Tränen in die Augen, wenn sie an ihre erste Zeit in Schwarzau denkt. Das Verhältnis zu ihren Eltern litt damals sehr. Momentan gebe es aber wieder eine Annäherungsphase.

Alltag für Mutter und Kind

Abteilungsleiterin Grabenweger und ihre beiden Kolleginnen unternehmen einiges, um den Alltag in der Justizanstalt für die Mütter und ihre Kinder abwechslungsreich zu gestalten. „Einmal in der Woche besuchen wir die Tiere.“ Die großen Tiere, wie Kühe und Schweine, gibt es im anstaltseigenen Gutshof zu sehen. Die kleinen Tiere dürfen gestreichelt werden, wie die Zwergziegen im Streichelzoo. Im Sommer wird für die Kinder ein Plantschbecken aufgestellt. Während eine Frau die Kinder beaufsichtigt, können die anderen daneben Beachvolleyball spielen.

Für Amina bricht bald ein neuer Abschnitt an. Ihr kleiner Sohn freut sich auf den Kindergarten. Wie alle einjährigen Kinder wird er gerade eingeschult. Der Kindergarten befindet sich in Freiheit, etwa 100 Meter außerhalb der Gefängnismauern. Dort kommen die Kinder der Insassinnen mit den Kindern der Justizwachebeamtinnen zusammen. Während der Bub im Kindergarten ist, arbeitet Amina dann in der Anstalt. „Ich backe so gerne“, strahlt sie. Sie hat sich für den Küchendienst gemeldet. Die mangelnde Freiheit mache ihr bisweilen zu schaffen. „Ich kann mit meinem Kind nicht hingehen, wo ich will.“ Noch schwieriger sei es, zu den anderen Frauen Abstand zu halten. Sie wohnt derzeit in einem Doppelzimmer. Das Zimmer biete viel Platz aber eben auch weniger Möglichkeit, sich zurückzuziehen.

Es ist Nachmittag geworden in der Justizanstalt. Draußen im Hof sitzt eine kleine Gruppe von Frauen im Gras. Aminas Sohn hat ein Spielzeug entdeckt und poltert damit auf dem Fußboden herum. Manchmal, sagt Amina, überlege sie, ob sie ihren Sohn mit zwei Jahren nach draußen gibt. Abteilungsleiterin Grabenweger winkt ab. Sie glaube nicht, dass die junge Frau das durchziehen wird.

Anmerkung
Der Name der inhaftierten Mutter wurde von der Redaktion geändert.

Ein Kommentar zu “Mutter sein im Gefängnis”

  1. Wie interessant und wertvoll, einmal etwas über das Leben von Müttern in Gefängnissen zu erfahren. Jeder und jede weiß, wie wichtig es ist, eine gute Mutterbeziehung zu haben. Danke für die Einblicke.ä

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