Murer – Anatomie eines Prozesses

Franz Murer gilt als einer der größten Verbrecher des Zweiten Weltkrieges. Dafür wurde er vor Gericht gestellt – und freigesprochen.

Österreich hat keine Seele und keinen Charakter. Österreich besteht aus Tätern, Zuschauern und Opfern“, dieses kritische Resümee zieht Regisseur Christian Frosch im Interview mit Karin Schiefer, das im Rahmen der Uraufführung des Films „Murer – Anatomie eines Prozesses“ bei der Diagonale-Eröffnung, stattfand. Für den Regisseur war es wichtig, nicht einfach nur weitere NS-Kriegsverbrechen nachzuerzählen, sondern zu zeigen, wie sich die unterschiedlichen Gruppen (TäterInnen, Opfer und ZuseherInnen) in Österreich darstellten.

Den Ursprung der Idee für diesen Film findet man in Vilnius (damals Wilna). Auf einer Reise dorthin ist Frosch zufällig auf dieses Thema aufmerksam geworden und begann – anfangs aus rein persönlichem Interesse – über die Judenvernichtung in Wilna zu recherchieren. Als Christian Frosch sich dann dazu entschied, einen Film über Franz Murer zu drehen, war ein Dokumentarfilm aufgrund fehlender ZeitzeugInnen und nicht vorhandenem Bildmaterial unmöglich. Somit bildeten die Gerichtsprotokolle der Hauptverhandlung die Grundlage für den Film.

Erstaunlicherweise gibt es von diesem Prozess weder Tonbandaufnahmen noch wortwörtliche Protokolle, nur stichwortartige Aufzeichnungen. Eine Tatsache, für die er als Drehbuchautor nicht unbedingt undankbar war, die es jedoch auch schwierig machte, zu rekonstruieren, was die ZeugInnen genau aussagten. Für Frosch war es ein Anliegen, dass der Film nicht nur von einer Hauptperson getragen wird, sondern eine Multiperspektive geschaffen wird, die das Publikum in die Rolle der ProzesszeugInnen versetzt.

Film und Historie

Ein Mann im Steireranzug verabschiedet sich stürmisch von seiner Frau. Eigentlich sollte er den feinen Janker tragen, aber der abgewetzte zeigt vor Gericht die Heimatverbundenheit deutlicher. Der Angeklagte, ein wohlhabender Bauer und Funktionär im steirischen Bauernbund, soll als Opfer stilisiert werden, und nicht als grausamer Täter, der den Tod von zigtausenden jüdischen Menschen in Wilna zu verantworten hat. Im Gerichtssaal wartet eine sensationslüsterne Meute auf ihn. Der Mann ist Franz Murer.

Murer wurde per Zufall von Simon Wiesenthal entdeckt, der ihn schließlich in Graz vor Gericht brachte, wo er des 17fachen Mordes angeklagt wurde. Murer war als „Schlächter von Wilna“ bekannt, der die dortige jüdische Bevölkerung von ca. 80.000 Menschen auf rd. 700 dezimiert hat. Die Massenerschießungen fanden im nahen Ponary statt, Einzelpersonen wurden im Getto hingerichtet. Murer behauptet standhaft und eiskalt, weder diese Morde ausgeübt noch von den systematischen Tötungen gewusst zu haben.

Thematisch ist der Einstieg für Unkundige etwas schwierig, sukzessive werden aber die ZuseherInnen emotional von den Erzählungen der ZeugInnen, die den Holocaust überleben haben, mitgerissen. Jedes Argument der Überlebenden wird vom Anwalt Murers zerpflückt, jede Unsicherheit als Beweis für die Unschuld Murers gewertet. Die Opfer werden dem geifernden Publikum, darunter Kinder Murers, schonungslos vorgeführt und bloßgestellt. Der Staatsanwalt wirkt wie eine Marionette, ebenso wie der Richter, der sich der Verhöhnung der Opfer bedenkenlos anschließt.

Die Jury, bestehend aus acht Personen, ist schwach, und kann sich im Grundtenor nicht vorstellen, dass der Bauer Murer derartige Verbrechen begangen haben soll. Schließlich erfolgt nach zehn Tagen Prozess am 19. Juni 1963 der Freispruch Murers. Die Reaktion ist einerseits überschwängliche Freude, andererseits absolute Fassungslosigkeit, nicht nur bei der Weltöffentlichkeit. Eine Wiederaufnahme des Prozesses gelingt nicht, Murer lebt nach dem Freispruch weiterhin unbehelligt als angesehener Bauer und ÖVP-Parteifunktionär auf seinem Bauernhof in Gaishorn (Bezirk Liezen).

Nachhall bis in die Gegenwart

Der Fall Murer gilt als einer der größten Skandale der österreichischen Justizgeschichte und wird von Christian Frosch beklemmend nah am Geschehen nachvollzogen. Dem Regisseur gelingt es dabei hervorragend, das Stimmungsbild des österreichischen Nachkriegsmiefs nachzuzeichnen. Einer der größten Kriegsverbrecher wird nicht nur konsequent von GesinnungsgenossInnen gedeckt, sondern sogar bejubelt. Nationalsozialistisches Gedankengut war in weiten Teilen der Gesellschaft tief verwurzelt, der Opfermythos wird hochgehalten. Die Vergangenheitsbewältigung erfolgt durch schweigen und vergessen. Antisemitismus ist allgegenwärtig.

Weiters erschüttert die vermutete politische Einflussnahme. Christian Broda (SPÖ), als Justizminister bekannt für die Reformen im Strafvollzug, nutzte angeblich seine Kontakte zu ÖVP-Granden, um den Freispruch zu erwirken, um damit rein aus Pragmatismus bei der anstehenden Wahl die rechte Wählerschaft für seine Partei zu gewinnen.
Der Film lässt die ZuschauerInnen bedrückt und entsetzt zurück. Entsetzt nicht nur wegen des unfassbaren Geschehens und Freispruchs, sondern vor allem auch wegen der Aktualität vieler Begebenheiten, die problemlos auch heute so stattfinden könnten.

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