Mitgefangen – Die Angehörigen-Perspektive

Laut dem österreichischen Justizministerium sind in Österreich rund 9.400 Personen derzeit inhaftiert. Das bedeutet, dass viele Familien nicht nur voneinander getrennt leben, sondern auch mit eingeschränkten Kommunikationsmöglichkeiten konfrontiert sind. Neben den Schwierigkeiten durch die Haft haben viele Angehörige zudem mit Vorurteilen im Umfeld zu kämpfen.

Kommt es zu einer Inhaftierung, verändert sich das Leben der Betroffenen komplett. Doch nicht nur für die Person in Haft, auch die Verwandten sind mit Fragen konfrontiert, die sie sich bisher nie stellen mussten. So müssen sie sich erkundigen, wie sie zum Inhaftierten Kontakt aufnehmen können. Denn befindet sich der/die InsassIn in Untersuchungshaft, muss zuerst eine Besuchserlaubnis von der Staatsanwaltschaft eingeholt werden. In den anderen Haftanstalten sind Besuche während der offiziellen Besuchszeiten möglich. Ist der/die Inhaftierte jedoch in einer Haftanstalt in einem anderen Bundesland, sind Besuche oft schon aufgrund von finanziellen Engpässen schwer realisierbar. Überhaupt kann die Haftstrafe eine Familie in eine finanzielle Notlage bringen, weil ein Verdienst wegfällt und nur noch eine erwachsene Person für alle familiären Belange zuständig ist.

Reaktionen des Umfelds – Zwickmühle

Aber auch das Umfeld der Angehörigen von InsassInnen kann zu einer großen Belastung werden. So erzählt die langjährige Gefängnisseelsorgerin Christine Hubka, dass viele Frauen enorm unter Druck gesetzt würden, sich vom Partner zu trennen. Oft fehle das Verständnis, wieso sie den Inhaftierten zur Seite stehen. Es werde ein „Wir-oder-er“-Ultimatum gestellt, nicht selten auch von der eigenen Familie oder vom Freundeskreis. Diese Entwicklungen wiegen umso schwerer, da die Betroffenen die Unterstützung ihrer Familie gerade in dieser Situation besonders benötigen, sei es finanziell oder auch in der Kinderbetreuung. Dieses Einmischen in die Privatsphäre werde für viele zu einer unerträglichen Last.

Munition wegnehmen

Daher rät Christine Hubka, offensiv mit der Wirklichkeit umzugehen, weil man so den Leuten die Munition wegnehmen könne. Doch verstehe sie auch, dass das im Alltag nicht immer leicht umzusetzen ist, wenn beispielsweise Kinder aufgrund inhaftierter Elternteile gehänselt werden. So ist es Christine Hubka in ihrer Arbeit mit Angehörigen wichtig, ihnen die Scham zu nehmen und sie zu stärken. Sie empfiehlt, auf die Frage, „Warum ist er/sie denn im Gefängnis?“, eine Standardantwort parat zu haben, die man in unangenehmen Situationen einfach entgegnen kann. Um nicht eiskalt erwischt zu werden, sollte sie gut überlegt sein und auch deutlich machen, dass man dieses Thema mit dem Gegenüber nicht tiefer besprechen will.

Unterstützungsmöglichkeiten

Die Gruppe der Angehörigen von Inhaftierten ist marginalisiert, jedoch gibt es Hilfs- und Unterstützungsangebote für sie. SiM bietet regelmäßig Angehörigen-Treffen für Untergebrachte nach § 21 Abs. 1 und 2 StGB an und damit die Möglichkeit, sich mit Leuten in ähnlichen Situationen auszutauschen. Bei finanzieller Not können sich Inhaftierte an die sozialen Dienste der Justizanstalten wenden und auch die evangelische Gefängnisseelsorge versucht, mit Veranstaltungen, wie dem Gefängnislauf, Spendengelder für Angehörige zu sammeln. Beim Verein NEUSTART können sich Betroffene (auch anonym) an die Online Beratung wenden, damit sie mit ihren vielen offenen Fragen nicht alleine gelassen werden und Letztere nicht unbeantwortet bleiben.

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