„Geistig abnormer Rechtsbrecher“ oder: Das Monster in unseren Köpfen

Begriffe wie „geistig abnorm“ und „seelisch abartig“ sind nicht nur unzeitgemäß, sondern auch ethisch höchst bedenklich.

Dank dem namhaften Kommunikationswissenschaftler und Psychotherapeuten Paul Watzlawick wissen wir: Sprache erzeugt Wirklichkeit. Was passiert also, wenn wir den Begriff „geistig abnormer Rechtsbrecher“ hören? Wenn Boulevardmedien zusätzlich von „bestialischen Bluttaten verrückter Psycho-Täter, die Angst und Schrecken verbreiten“, schreiben? Welche „Wirklichkeit“ wird hier erschaffen? Wahrscheinlich werden die wenigsten an eine kranke Person denken. Vielmehr entsteht durch Begrifflichkeiten wie diese in unseren Köpfen das Bild eines „Monsters“.

Bei „geistiger oder seelischer Abartigkeit von höherem Grad“ handelt es sich jedoch nicht um einen, wie man vielleicht annehmen würde, informellen Begriff, sondern um einen offiziellen, in der Rechtssprache verhafteten Terminus – wenn auch um einen längst veralteten. Als „abartig alt, stigmatisierend und ethisch verwerflich“ bezeichnet ihn die Journalistin und Kriminologin Anja Melzer.

Der „Einundzwanzigzweier“

Der Ausdruck wurde vor mehr als vierzig Jahren ins Strafrecht aufgenommen und lässt sich im Paragraf 21 des Strafgesetzbuchs (StGB) finden. Dieser regelt die Unterbringung von geistig abnormen RechtsbrecherInnen in eine Anstalt.

Unterschieden werden dabei zwei Bereiche: StraftäterInnen, die eine Tat „unter dem Einfluss“ einer „geistigen oder seelischen Abartigkeit von höherem Grad“ (§21/2) begangen haben, und solche, die wegen ihres psychischen Zustandes mangels Schuld (§21/1) überhaupt nicht bestraft werden können und als „unzurechnungsfähig“ gelten – innerhalb der Gefängnismauern besser bekannt als der „Einundzwanzigeinser“.

„Die längst nicht mehr zeitgemäße Bezeichnung der in diesen Einrichtungen angehaltenen Menschen als ‚geistig abnorm’ wird gestrichen.“

Die Problematik der Gesetzesterminologie greift auch der 96-seitige Abschlussbericht der Arbeitsgruppe „Reform des Maßnahmenvollzugs“ aus dem Jahr 2015 auf. In diesem ist zu lesen, dass der Begriff „geistige oder seelische Abartigkeit von höherem Grad“ durch eine neutrale, soweit als möglich mit Artikel 14 der Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen vereinbare Definition ersetzt werden soll.

Vorgeschlagen wird die Präzisierung, Änderung und Eingrenzung in „schwerwiegende psychische Störung“ (schwerwiegend ist sprachlich stärker als höhergradig), da durch die Betonung des Begriffs „Störung“ der Fokus auf den Krankheitsbegriff gelegt werde und nicht auf andere Aspekte der Normabweichung. Damit könnten auch Gutachtenaufträge klarer gefasst werden. Schließlich sei der Begriff „Störung“ aus ethischer Sicht vorzuziehen, weil er weniger stigmatisiere als der Begriff „Abartigkeit“.

Wie stark sich eine Änderung in der Sprache auch in der Realität auswirken kann, beweist die sogenannte „Labeling-Theorie“: Dieser „Etikettierungsansatz“ erklärt abweichendes Verhalten dadurch, dass eine Abweichung immer sozial zugeschrieben, nicht aber objektiv vorhanden ist. Wenn ein soziales Stigma kriminelles Verhalten also verstärken kann, führen im Umkehrschluss nicht-stigmatisierende Bezeichnungen dazu, dass sich kriminelles Verhalten verringern lässt.

Problem längst nicht gelöst

Auch die Volksanwaltschaft spricht in ihrem Jahresbericht 2017 von einer nicht mehr zeitgemäßen Bezeichnung und plädiert für mehr Sprachsensibilität. Doch selbst wenn der Begriff durch den der „psychischen Störung“ ersetzt werden sollte – gelöst ist das Problem dadurch noch lange nicht. Denn auch der Begriff der „psychischen Störung“ ist umstritten, da es sich bei diesem um eine sehr unscharfe und unspezifische Beschreibung eines „nicht gesunden“ Zustandes einer Person handelt. Die auf diesem Begriff beruhende internationale Klassifikation psychischer Störungen enthält über 400 Störungsbilder, die in 99 Gruppen zusammengefasst sind.

Die Selbst- und Interessensvertretung SiM plädiert daher dafür, die Einweisungsvoraussetzung der „psychischen Störung“ wesentlich enger und damit treffsicherer zu formulieren. Es gibt unterschiedliche Arten von Krankheiten und diese sollten auch dezidiert beim Namen genannt werden.

Sprache erschafft nämlich nicht nur Wirklichkeit, sondern die Wirklichkeit sollte sich auch in der Sprache wiederfinden. Nur so kann Schritt für Schritt das Bild eines blutdurstigen Monsters in unseren Köpfen durch das einer hilfsbedürftigen kranken Person ersetzt werden.

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