Die meisten Menschen hinter Gittern sind Männer, deshalb ist es auch wenig überraschend, dass bei der Planung und Gestaltung von Gefängnissen die Bedürfnisse von Männern im Vordergrund stehen. Dass Frauengefängnisse oftmals nach derselben Vorlage gebaut werden, verursacht viele Probleme. Weibliche Inhaftierte leiden öfter als Männer an mentalen Erkrankungen und sind großteils vor der Straftat Opfer von Gewalt geworden, der Zugang zu medizinischer und psychologischer Hilfe hinter Gittern ist aber in vielen Ländern beschränkt. Und das ist nur ein Problem.

Weltweit bilden Frauen eine Minderheit hinter Gittern. In Österreich sind laut Justizministerium mit Stand 1. Juni 2020 523 Frauen inhaftiert, das entspricht 6,11 Prozent der insgesamt 8.560 Häftlinge. Österreichs einziges Frauengefängnis, die Justizanstalt Schwarzau, bildet eine Ausnahme im internationalen Vergleich der Architektur von Gefängnissen, die JA wurde in einem Schloss untergebracht und bietet Frauen Arbeits- und Therapiemöglichkeiten an.

Architektur beeinflusst Verhalten

Die Architektur von Gefängnissen soll das Verhalten von Menschen drinnen und draußen beeinflussen. Dieser Ansatz wurde bereits bei der Planung des berüchtigten Eastern State Penitentiary in Philadelphia, USA, im 19. Jahrhundert verfolgt. Der gotische Stil des Gefängnisses sollte den Menschen draußen und drinnen als Warnung dienen und die Moral stärken. Wie es Marcel Schweder und Sophie Thümer in ihrem Artikel Gefängnisarchitektur – Zwischen Funktionalismus und Symbolismus formulieren: „Aufgrund dessen, dass die wenigsten Personen Gefängnisse von innen kennen, wird nicht nur das Innere, sondern auch der Umgang mit Gefangenen von der Fassade abgeleitet.“ Dass diese Fassaden, die für Männer errichtet wurden, Frauen hinter Gittern vor große Herausforderungen stellen, wird bis heute nur vereinzelt bei der Planung neuer Gefängnisse in Betracht gezogen.

Eastern State Penitentiary, USA

Viele Unterschiede und eine große Gemeinsamkeit im internationalen Vergleich

Neuseeland und die USA, zum Beispiel, setzen weibliche Inhaftierte mit Männern gleich, nur mit einem Unterschied, dem Geschlecht, und verwenden folglich dasselbe Gefängnissystem mit ein paar kleinen Änderungen für Frauen. Da es weniger weibliche Inhaftierte gibt, ist auch die Anzahl der Frauengefängnisse beschränkt. Das hat zur Folge, dass viele Insassinnen oft nicht in der Nähe ihrer Familien untergebracht werden, sondern womöglich hunderte Kilometer entfernt. Dass diese Distanz zur Familie für viele Frauen hinter Gittern, die oft alleinerziehende Mütter sind, weitreichende Folgen hat, findet meistens keine Berücksichtigung. In Spanien und Frankreich gibt es hybrides System, in diesen Ländern gibt es Gefängnisse, die speziell für Frauen errichtet wurden, und zusätzlich gibt es kleine Einheiten für Frauen, die man an Männergefängnisse angeschlossen hat, damit Frauen nicht zu weit weg von ihren Familien inhaftiert werden.

Helen Fair, wissenschaftliche Mitarbeiterin am King’s College London, hat dazu eine Studie durchgeführt. Sie beschreibt darin, dass alle untersuchten Ländern etwas gemeinsam haben: die persönlichen Hintergründe der meisten Frauen. Der Großteil der inhaftierten Frauen gehört sozial stark benachteiligten Gruppen an und war oft Opfer von Gewalt und Missbrauch. Eine Studie von 2005 aus Westaustralien hielt fest, dass 88 Prozent der befragten Frauen angaben, Missbrauch in der Kindheit und/oder als Erwachsene erlebt zu haben. Auch Suchtprobleme und körperliche sowie mentale Gesundheitsprobleme spielen eine signifikante Rolle. Laut einer Studie aus New South Wales aus dem Jahr 2001 litten 30 Prozent der befragten Frauen an schweren Depressionen, 44 Prozent hatten Asthma, und 66 Prozent waren Hepatitis C positiv. Auch sind Frauen, die Minderheiten angehören, überproportional repräsentiert: Laut prisonpolicy.org sind 53 Prozent der Frauen in US-Gefängnissen weiß, 29 Prozent Afroamerikanerinnen und 14 Prozent hispanisch. Dass Reformen dringend notwendig sind, liegt für Kritiker*innen des aktuellen Systems auf der Hand, und auch neue Studien zeigen, wie man ein gesundes Umfeld für Frauen hinter Gittern schaffen kann.

Gefängnisse gebaut für Frauen

Wissenschaftlerinnen aus Großbritannien haben sich angesehen, wie „gesunde“ Gefängnisse für Frauen aussehen könnten und die Ergebnisse in ihrem Artikel Designing ‘Healthy‘ Prisons for Women: Incorporating Trauma-Informed Care and Practice (TICP) into Prison Planning and Design veröffentlicht. Wie bereits erwähnt, leiden viele Frauen, die im Gefängnis landen, an körperlichen und mentalen Krankheiten. Ausreichend Behandlungsmöglichkeiten sind aber oft nicht verfügbar, und regelmäßige Budgetreduzierungen verschlechtern die Situation der Insassinnen weiter. Weiters kann der Umgang mit den Insassinnen, der in den meisten Fällen für männliche Insassen konstruiert war, zu weiteren Traumatisierungen führen. Exzessives Durchsuchen der Frauen, sehr strenge Sicherheitsprotokolle, kaum Angebote an sinnvollen Tätigkeiten und Weiterbildungsmöglichkeiten sowie schlechte Behausung und wenig Kontaktmöglichkeit mit ihren Kindern und Familien werden regelmäßig kritisiert.

In Nordirland findet man ein positives Beispiel einer Haftanstalt, die sich auf die Bedürfnisse der Frauen eingestellt hat. Die Haftanstalt Murray House ist eine sehr kleine Anstalt mit sechs Zimmern für Frauen, die am Ende ihrer Haft sowie clean und trocken sind, wenig Aufsicht benötigen und denen vertraut wird, dass sie in der Gemeinschaft mitarbeiten werden. Das Haus vermittelt ein heimeliges Gefühl, es gibt „normale“ Wohn- und Esszimmer, bequeme Möbel, eine gut ausgestattete Küche und getrennte Schlafzimmer. Es befindet sich außerdem außerhalb der gesicherten Teile des Gefängnisses.

Auch in Skandinavien wird dieser Ansatz verfolgt, in den Gefängnissen Halden, Norwegen, und Storstrøm, Dänemark, soll die Architektur des Gefängnisses den Gemeinschaftssinn stärken und die Resozialisierung fördern.

Es gibt einen Freizeitraum, eine Küche und sogar einen Streichelzoo. In Schwarzau hat es auch seit der Öffnung keinen einzigen Suizidversuch gegeben

Anstaltsleiter Brigadier Gottfried Neuberger

Ein Schloss als Österreichs einziges Frauengefängnis

In Österreich werden Straftäterinnen in der Justizanstalt Schwarzau untergebracht. Architektonisch sticht dieses Frauengefängnis heraus – es wurde in einem Schloss untergebracht. Schloss Schwarzau war ein kaiserliches Jagdschloss, das zwischen dem 13. und 16. Jahrhundert als Geschenk der Adelsfamilie der Grafen Wurmbrand übergeben wurde. Im Laufe der Zeit wechselte das Schloss mehrmals den Besitzer, bis es 1889 von Herzog Robert von Bourbon-Parma gekauft wurde. 1911 fand die letzte habsburgische Hochzeit von Erzherzog Karl Franz Josef mit Prinzessin Zita von Bourbon-Parma statt. 1951 verkaufte der Alleinbesitzer Herzog Elias aus wirtschaftlichen Gründen das Schloss an die Republik Österreich. Nach aufwendigen Renovierungen, die sich auf ca. zehn Millionen Schillingen (umgerechnet rund 0,73 Millionen Euro) beliefen, eröffnete im Dezember 1957 die denkmalgeschützte „Frauenstrafanstalt Schwarzau“.

Aber nicht nur die Architektur unterscheidet sich von anderen internationalen Beispielen, in Schwarzau wird der Alltag an die Bedürfnisse der Frauen angepasst. Wie Oberstleutnant und stellvertretende Anstaltsleiterin Margit Schrammel im Gespräch mit dem Kurier 2018 erzählt: „Psychiater und Psychologe: fix im Haus, Sozialarbeiter: fix im Haus, Anstaltsarzt: fix im Haus, Internist und Frauenarzt: kommen wöchentlich.“ Auch gibt es eine Mutter-Kind-Abteilung in Schwarzau. Kinder dürfen bis zum dritten Lebensjahr bei ihren Müttern bleiben. In dieser Abteilung herrscht der offene Vollzug, die Zellen sind nicht abgeschlossen, und Mütter und Kinder können sich frei bewegen. Es gibt einen Freizeitraum, eine Küche und sogar einen Streichelzoo. In Schwarzau hat es auch seit der Öffnung keinen einzigen Suizidversuch gegeben, erklärt Anstaltsleiter Brigadier Gottfried Neuberger dem Kurier. Psychische Erkrankungen werden mit passenden Therapien behandelt, und das Personal wisse immer, wie es den Insassinnen gerade gesundheitlich ginge. „Die Schwarzau ist zudem eines der wenigen Gefängnisse, wo Vollbeschäftigung herrscht. Das heißt, jede kann und darf arbeiten und einer Tätigkeit nachgehen“, fügt Neuberger hinzu und erklärt abschließend, wie wichtig Respekt gegenüber den Insassinnen sei. Wenn man ihnen nicht auf Augenhöhe begegne, „dann waren sie einfach wieder nur weggesperrt“.

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