Gefängnislauf 2018: Der Lauf zum Guten

Wie alle zwei Jahre fand auch 2018 der Gefängnislauf statt. Dieser rückt die wenig beachtete, aber oft schwierige Situation der Anhörigen von Inhaftierten in den Mittelpunkt, um sie zu unterstützen.

Katharina Beclin, Beirätin bei SiM, präsentiert stolz ihre Teilnehmerurkunde.

Keine Wolke über Floridsdorf. Strahlender Sonnenschein versorgt an diesem Samstag den 21. Bezirk mit reichlich Vitamin D, das ist abzulesen an den vielen lachenden Flaneuren. Und auch wenn die Zähne des gemeinen Volkes schon mal gelblich verfärbt sein dürfen, noch schneeweiß erstrahlen die Mauern der evangelischen Kirche in der unscheinbaren Weisselgasse. Man könnte das Gebäude mit den Rundbogenfenstern fast als schlicht bezeichnen, wären da nicht das purpur-gelbe Kreuz auf der Vorderseite und der wellenförmige Anbau daran. Zusammen verleihen sie dem Haus eine Ästhetik zwischen Moderne und Verspieltheit, der es aber leider nur fast gelingt vom heutig eisigen Wind abzulenken.

Christine Hubka, Moderatorin und Mitorganisatorin, gibt das Startsignal.

Man friert ja schon an diesem Samstagnachmittag Ende September. Doch selbst die frostigen Prognosen der Wetterfrösche konnten nicht verhindern, dass sich nach 12 Uhr auffallend viele Personen in Sportbekleidung im Hof der Kirche einfinden. Anlass hierzu ist der zum siebten Mal stattfindende Gefängnislauf, eine von dem Gefangenenseelsorger Matthias Geist initiierte Wohltätigkeitsveranstaltung, welche Geld für Angehörige von GefängnisinsassInnen sammelt. Diese werden nämlich durch die Inhaftierung ihrer Nächsten nicht nur mit emotionalen, sondern auch mit gravierenden finanziellen Herausforderungen konfrontiert. So müssen sie aufgrund des Freiheitsentzugs ihres Partners oder ihrer Partnerin, Verwandten o. Ä. alleine, also ohne finanzielle Unterstützung eines oder einer Zweiten, zum einen zusätzliche finanzielle Belastungen wie Anwalts- und Fahrtkosten stemmen und zum andern bereits gegenwärtige Kosten wie Lebenshaltungskosten oder die Finanzierung der Ausbildung der gemeinsamen Kinder begleichen.

Alle LäuferInnen suchen sich SponsorInnen

Das System, nach dem an diesem 29. des Monats Geld zusammengetragen wird, ist so einfach wie genial: Jeder angemeldete Läufer sucht sich im Vorfeld SponsorInnen (FreundInnen, Verwandte, Pfarrgemeinden), welche jede überwundene Runde mit einem individuellen finanziellen Betrag „sponsern.“ Die Summe aller erlaufenen Euros kommt daraufhin mithilfe der Evangelischen Diözese Wien den betroffenen Angehörigen zugute. An sportlicher Fitness und Alter werden dabei keinerlei Voraussetzungen gestellt, das Motto ist sozusagen olympisch: „Dabei sein ist alles!“ Und so versammeln sich an diesem Mittag im quadratischen Hof der Kirche Leute aller Altersstufen, um ihre Startnummern abzuholen: SchülerInnen und Erwachsene, Omis mit Nordic-Walking-Stöcken und WettkampfläuferInnen mit professioneller Laufbekleidung, auch Kinder sind dabei. Mögen diese auch noch nicht ganz verstehen, wofür genau sie heute den rund einen Kilometer langen Trottoir-Abschnitt um den Nachbarhäuserblock abrennen, dass sie etwas Gutes tun, verstehen sie sehr wohl. Zwei Stunden lang laufen, gehen, walken, von 13 bis 15 Uhr, für Menschen, die es bitter nötig haben.

Blickpunkte, SiM und die Plattform Maßnahmenvollzug: Bücherstand und
persönliche Informationen

Knapp 200 LäuferInnen in verschiedenen Teams

Als um kurz vor offiziellem Startbeginn dann die vielen LäuferInnen am Anfang der Strecke bereit stehen, geschieht das große Malheur: Kein Strom, die ModeratorInnen Christine Hubka und Manfred Natowitcz müssen die Wartenden lautstark um ein paar Minuten vertrösten. Eilig werden Mehrfachstecker umarrangiert und die Mikrofonanlage auf Fehlerquellen inspiziert. Ein Läufer im gelben „Taxi 40100“-Gruppentrikot knipst noch schnell ein Erinnerungs-Selfie ehe um drei Minuten nach eins der Anpfiff ertönt. Voller Energie setzen sich die knapp 200 SportlerInnen in Bewegung, über ihnen schweben ein Einhorn-Ballon und dessen kleiner Freund, die Kuh, an Schnüren gehalten von zwei lachenden Mädchen. Scheint es auch anfangs nicht ganz so einfach zu sein, sich mit den MitläuferInnen den begrenzten Raum auf dem Gehsteig zu teilen, finden alle schnell ihren Rhythmus. Auch sind viele der TeilnehmerInnen auffallend gleich gekleidet, denn das Unternehmen „Taxi 40100“ stellt nicht das einzige Team. So tummeln sich unter anderem die Gruppen „De la Salle Strebersdorf“, „Gumpendorf rennt“ und „SiM“ unter den Schwitzenden. Wer eine Runde geschafft hat, dem wird am Startpunkt ein Gummiringerl zugesteckt, mit dessen Hilfe am Ende die gelaufenen Kilometer ausgezählt werden. Auch Getränke zur Auffrischung und Bananen als Energielieferanten liegen bereit, alles ist also bestens organisiert. Besonders inspirierend ist das Engagement des Schülers Alwin, der trotz Meniskusriss mit einer Krücke unter dem rechten Arm zwei Runden zurücklegt. Hierher gebracht hat ihn der Aufruf seines Religionslehrers Andràs Vetö, der viele Jahre als evangelischer Pfarrer in Floridsdorf gewirkt hat. Im Gespräch nutzt er die Gelegenheit, um seinen Dank für die im angrenzenden Kindergarten arbeitenden Erzieherinnen auszusprechen, ohne deren Bereitstellung von Geschirr und Besteck die Versorgung der TeilnehmerInnen durch Aufstrichbrote, Kuchen und Bratwurstsemmeln nicht möglich gewesen wäre.

Die LäuferInnen inklusive Einhorn warten auf das Startsignal.

Nach und nach trudeln dann gegen Ende der angesetzten Laufzeit die zwar erschöpft aber zufrieden aussehenden SportlerInnen wieder in den Hof der Kirche ein. Sie klatschen sich ab, plaudern ausgelassen miteinander und schlemmern an den reichlich beladenen Essensständen. Niemand blickt hier auf sein Smartphone, um seine Whatsapp-Nachrichten zu checken, ein seltener Anblick in unserer überdigitalisierten Gesellschaft und ein freundliches Bild obendrein. Hier scheint man wohl noch ganz im Reinen mit der Welt zu sein, oder?

Besucher, die hinter die Fassade blicken

Unterhält man sich mit den BesucherInnen, bekommt man allerdings einen anderen Eindruck. Viele von ihnen sind DenkerInnen mit eigener Meinung, Personen, die es auch mal wagen, einen Blick hinter die Fassade zu werfen. Ein ehrenamtlicher Seelsorger, der anonym bleiben möchte, kritisiert mit wohl überlegten Worten den Maßnahmenvollzug in Österreich als eine exekutive Handlung, welche die Gefangenen in einem „Zustand von Nichtwissen und Hoffnungslosigkeit hinvegetieren“ lässt. Durch den fehlenden Rückhalt in der Gesellschaft erschiene da oftmals nur noch der Strick als letzte Lösung. Auch Katharina Beclin trifft man an, Assistenzprofessorin für Kriminologie an der Universität Wien. Ihre ansonsten schüchterne Art verwandelt sich in pure Entschlossenheit, sobald sie beginnt, ihre Meinung zum österreichischen Justizwesen darzulegen: So beurteilt sie das ständige Fordern nach härteren Strafen als kontraproduktiv, da es den Opfern von Gewaltdelikten massiv schaden könne. Diese würden nämlich als betroffene Angehörige oftmals keinerlei Interesse daran haben, dass der Täter (häufig der Partner) zu einer Freiheitsstrafe verurteilt wird. Zwar hegten sie den Wunsch, den Übergriffen ein Ende zu setzen, seien aber häufig vom hohen Strafmaß derart abgeschreckt, dass sie erst gar nicht Anzeige erstatten.

Zwei der unermüdlichen Kämpferinnen aus dem Team SiM

Gefängnislauf als Initiative zur Entstigmatisierung

Und so ist die anschließende Siegerehrung auch nur symbolischer Natur, um sich bei den LäuferInnen zu bedanken. Viel wichtiger als die Frage, wer nun die meisten Runden absolviert hat, ist die Tatsache, dass mit dem Gefängnislauf Angehörigen von Gefangenen geholfen wird, sowohl finanziell als auch, und das ist vielleicht der wichtigste Aspekt, symbolisch als ein Signal zur Entstigmatisierung. Ein „Wir-sind-bei-euch“ kann Energien freisetzen, Hoffnung schaffen und Perspektiven vermitteln, aus diesem Grund ist der Gefängnislauf so eine wichtige Initiative. Nichtsdestotrotz kann man nur staunen, dass die SiegerInnen der Einzelwertungen, Bernadette Michlmayr und Michael Simmer, 22 bzw. 30 Runden gelaufen sind und von allen LäuferInnen insgesamt circa 2500 Kilometer zurückgelegt wurden. Auch das Rekordergebnis der Einnahmen kann sich sehen lassen: 19.912 Euro wurden für den guten Zweck erlaufen, ein Betrag, der die Lebenssituation vieler Menschen verbessern wird, von drei Personen wurden gar jeweils über 1000 Euro erschwitzt und erkämpft.

Initiator Matthias Geist rundum zufrieden

Mit Hinblick auf diese Bilanz ist es daher auch kaum verwunderlich, dass Gefängnislaufvater Matthias Geist am Ende des Events rundum zufrieden wirkt. In seiner blauen Kapuzenjacke strotzt der passionierte Marathonläufer trotz seiner 20 gelaufenen Runden vor Energie und Positivität: „Es war wieder eine wunderbare Veranstaltung! Danke an die rund 50 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, die sich freiwillig bereiterklärt haben an irgendeinem Eckpunkt der Veranstaltung mitzuwirken!“ So sei es ihm vor elf Jahren wichtig gewesen der Gesellschaft im Rahmen seiner Möglichkeiten aufzuzeigen, dass es Menschen gibt, die ganz zu Unrecht durch den Strafvollzug „geradezu mitbestraft“ werden. „Für diese gibt es wenig Initiativen, wenig Lobby, wenig unbürokratische Hilfe in seelischer, materieller und sozialer Hinsicht“, so Geist. Diese Lücke ein Stück weit zu schließen, ist ihm in diesem Jahr wiedermal in bewundernswerter Weise gelungen und es bleibt zu hoffen, dass der Gefängnislauf 2020 wie gewohnt stattfindet, was alles andere als sicher ist. Da Geist ab dem nächsten Jahr in der evangelischen Diözese Wien seine Tätigkeit als Superintendant aufnehmen wird, ist noch unklar, wie es mit dem Charity-Event weitergeht. Genug LäuferInnen würden sich aber auch in zwei Jahren finden, egal wie eisig der Wind weht in Floridsdorf.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.