Die Gestaltung von Gebäuden hat einen weitreichenden Einfluss auf ihre Bewohner*innen – das ist auch bei Gefängnissen nicht anders. Dieser Umstand spiegelt sich heutzutage immer mehr in deren Architektur wider, denn im Fokus steht die Sozialisierung derer, die noch nie sozialisiert waren bzw. die Resozialisierung und nicht mehr der gebrochene Mensch.

Strafvollzugsanstalten stellen zwar öffentliche Gebäude dar, aber einen tatsächlichen Einblick in diese erhalten nur wenige. Die Vorstellung vom Gefängnisalltag bleibt für einen großen Teil der Bevölkerung nicht mehr als das und hat mit der Realität oftmals wenig zu tun. Der Strafvollzug ist dennoch ein sehr wichtiges Thema, weshalb es überrascht, dass in den letzten Jahrzehnten keine größeren Reformen in Hinblick auf die architektonische Ebene stattgefunden haben. Dennoch konnten zumindest in den letzten Jahrhunderten einige Fortschritte in Bezug auf die Architektur von Gefängnissen verzeichnet werden.

Nicht selten endete der dem Racheprinzip folgende Strafvollzug mit dem Tod der Häftlinge.

Strafvollzug nach dem Racheprinzip

Früher, im sogenannten „Pennsylvanischen System“, waren die Fenster ab einer Höhe von 1,80 Metern platziert. In diesem stark religiös beeinflussten System sollte der Blick der Insass*innen auf diese Art zum Himmel gelenkt werden, um sie so zum Beten zu motivieren. Den Insass*innen war es aufgrund des Vollzugskonzeptes „Silent System“ außerdem verboten, miteinander zu kommunizieren. Dies hatte große Auswirkungen auf die psychische Gesundheit der Betroffenen. Nicht selten endete der dem Racheprinzip folgende Strafvollzug mit dem Tod der Häftlinge. Wer jedoch freikam, sollte sein*ihr Leben fortan gebrochen und verängstigt weiterführen. Des Öfteren wird diese Art des Strafvollzuges auch heute noch angewandt.

Ebenso weit verbreitet wie das „Silent System“ war das „Solitary System“ aus den USA, welches für strenge Isolation stand. Für beide Systeme benötigte man eigens entwickelte Architekturen. Ein Beispiel hierfür ist das „Panoptikum“, welches vom englischen Philosophen Jeremy Bentham konstruiert wurde und einen mehrgeschossigen Rundbau mit nach innen vergitterten Zellen rundherum bezeichnet. Die Gefangenen mussten jederzeit damit rechnen, von der zentralen Warte im Lichthof überwacht zu werden, konnten aber nie wissen, wann. Ebenso effektiv in Hinblick auf Überwachungsmaßnahmen ist der strahlenförmig angeordnete Bau. Vom Zentrum aus lassen sich alle Flure der Zellentrakte begehen und somit auch kontrollieren.

Im 19. Jahrhundert kam es schließlich zu diversen Reformbewegungen hinsichtlich des Strafvollzuges und somit zu dessen fortschreitender Humanisierung. In weiterer Folge entstanden auch neue Arten von Gefängnisbauten.

Repressive Architektur als Teil der Strafe

Die Gefängnisarchitektur des 20. Jahrhunderts lässt sich gut in wenigen Worten umschreiben: pragmatisch, personalsparend, ausbruchssicher. Gekennzeichnet ist dieser Baustil vor allem durch Gitterfenster, sehr hohe Mauern und Masten für das Anbringen von Flutlichtern oder Überwachungskameras. Gefängnisse sollten sicher und abschreckend wirken, sowohl für die Insass*innen wie auch für die Außenwelt. Diese repressive Architektur war als Teil der Strafe gedacht.

Betrachtet man andere Orte, in denen Menschen lebenslänglichen Freiheitsentzug verbüßen, fällt auf, dass diese oftmals in einem ganz anderen Stil erbaut wurden. Diese Einrichtungen dienen zwar der Sicherheitsverwahrung, aber nicht der Bestrafung, und das schlägt sich in deren Architektur nieder. Sie sind zwar ausbruchssicher, vermitteln tendenziell jedoch ein wohnlicheres Ambiente. Im Gegensatz zu den Gefängnissen, die im Baustil des 20. Jahrhunderts erbaut wurden und bereits von außen als solche erkennbar sind, wirken sie unscheinbarer.

Gefangene sollten durch die Gestaltung ihres zwangsweise zugewiesenen Lebensumfelds mit Anstand behandelt werden.

Resozialisierung vorrangig im modernen Strafvollzug

Erst mit dem modernen Strafvollzug rückte die Resozialisierung bzw. Sozialisierung der Straftäter*innen gegenüber dem Sicherheitsbedürfnis der Allgemeinheit in den Vordergrund. Gefangene sollten durch die Gestaltung ihres zwangsweise zugewiesenen Lebensumfelds mit Anstand behandelt werden. Gefängnisse müssten demnach auch bautechnisch menschenwürdiger sein. Ein Bespiel für die architektonische Umsetzung dieses Grundgedankens stellt die Berliner Justizvollzugsanstalt in Heidering dar. Sie wird als freundlich und hell beschrieben.

§ 3 des Strafvollzugsgesetzes schreibt vor, dass Verhältnisse in der Justizvollzugsanstalt soweit dies geht den Verhältnissen der Außenwelt angeglichen werden sollen. Die Gefangenen sollen auf das Leben in Freiheit vorbereitet werden, wofür möglichst viel Normalität unerlässlich ist. Das Leben im Gefängnis bringt schon genug Einschränkungen mit sich. Allein ein guter Ausblick aus dem Fenster kann einen sehr positiven Einfluss auf die Gefangenen haben. Umgekehrt kann sich das Fehlen eines solchen auch äußerst negativ auswirken. Durch einen Mangel an Sinnes- und Außenreizen kann es zu Depressionen und Denkstörungen kommen.

Idealerweise ist eine Zelle mindestens 12 Quadratmeter groß, quadratisch und beherbergt ein Fenster auf einer Höhe von 1,2 Metern. Bodenbeläge mit unterschiedlichen Oberflächenstrukturen und angenehme, unterschiedliche Farbtöne können Deprivation entgegenwirken.

Ein gutes Ambiente ist nicht nur für die Gefangenen von Vorteil. Die Angestellten der Haftanstalt müssen ihr gesamtes Arbeitsleben in dieser Umgebung zubringen, weswegen auch sie vom atmosphärischen Mehrwert profitieren.

Vorurteil „Luxusknast“

Der Bau neuer Gefängnisse ist zumeist aus Kapazitätsgründen unumgänglich. Sobald Gefängnisneubauten in Planung sind, wird in der Bevölkerung oft Kritik laut. Diese seien zu teuer und zu luxuriös, denn Kritiker*innen geht eine Zuwendung an die Gefangenen zu weit. Luxus wird man in Gefängnissen jedoch nicht antreffen, sondern höchstens eine angenehme und helle Unterkunft, wobei dieser Umstand nicht von der Tatsache ablenkt, dass man sich im Strafvollzug befindet.

Mit einer freundlichen Architektur lässt sich mehr bewirken, als nur das Wohlbefinden der Strafgefangenen zu steigern. Abgesehen von ihnen profitiert nämlich auch die Gesellschaft von einem Gefängnisbau in diesem Stil, denn dieser verspricht bessere Sozialisationserfolge.

Abgesehen von der Strafanstalt Leoben, die 2004 eröffnete, wurde in Österreich seit vielen Jahrzehnten kein Gefängnis mehr gebaut. Die Karlau gibt es seit dem 19. Jahrhundert, seit damals wurde sie immer wieder nur adaptiert. Auch die Strafanstalt Jakomini wurde bereits 1890 erbaut. Für die Häftlinge und die Justizwachebeamt*innen in Leoben entwickelte man eine neue Ausrichtung. Es gab erstmals einen Wohngruppenvollzug und offene Flächen. Das Gebäude wurde stark kritisiert. Es war sogar von einem „Luxusknast“ die Rede. Dabei macht ein würdevoller Umgang mit Häftlingen auf jeden Fall Sinn, vor allem in Hinblick auf deren Sozialisierung bzw. Resozialisierung. Dass nicht nur die Häftlinge von einem freundlichen Gefängnis profitieren, wird vor allem durch den Umstand erkennbar, dass Leoben weniger Krankenstände der Justizwachebeamt*innen aufweist als andere Justizanstalten.

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