Sind Gefängnisse nur Bauwerke zur Unterbringung von Personen? Oder können diese auch die Charaktere der Insass*innen formen? Und welche Bedeutung kommt dabei der Architektur zu? Unter anderem beantwortete Oberst Turner, Anstaltsleiter der Justizanstalt Korneuburg diese Fragen im Interview.

Oberst Turner, Sie sind nicht nur der Leiter der JA Korneuburg, sondern waren auch an der Planung des Gebäudes beteiligt. Wie beurteilen Sie die Architektur acht Jahre nach der Umsiedlung?

Dem EU-weit ausgeschriebenen Wettbewerb lag ein Raum- und Funktionsprogramm zu Grunde, an dem meine Stellvertreterin und ich mitwirken konnten. Weiters konnten wir Anregungen und Wünsche während der Planungs- und Bauphase einbringen, die von den planenden Architekten unterschiedlich stark berücksichtigt worden sind.

Auch nach acht Jahren Betrieb in der neuen Anstalt finde ich die Mischung aus baulicher und organisatorischer Sicherheit sehr gut gelungen. Durch die Strukturierung in Wohnbereiche, Arbeitsbereiche, Freizeiteinrichtungen sowie Administration und Exekutive ist durch verkürzte Wege ein effizienter Personaleinsatz möglich.

Kam es seit der Umsiedlung zu baulichen Änderungen?

Nein, außer geringfügigen Adaptierungen und Mängelbehebungen

Welchen Nutzen sehen Sie in der Unterbringung von Personen in einer Justizanstalt?

Die Vorgaben des StVG und der StPO können auch unter der Berücksichtigung von alternativen Vollzugsformen wie EÜH (elektronisch überwachter Hausarrest, Anm.) samt deren Weiterentwicklungen nur in einer Justizanstalt umgesetzt werden, die entsprechend dem jeweiligen baulichen, organisatorischen und personellen Standard ausgestattet ist.

Wie wirkt sich dies auf die Architektur aus?

Auch wenn der Leitsatz „Die Form folgt der Funktion“ auf Strafvollzugsbauten zutreffen sollte, gibt es genügend Spielraum für eine moderne und nach innen offene Ausrichtung für Justizanstalten.

Justizanstalt Korneuburg (NÖ)
Foto: BMJ

Einerseits kann ein Neubau Insass*innen genug Raum geben. Andererseits sind die Baukosten zu beachten. Etwa gilt die JA Leoben als „Luxusknast“. Wie wurde damit bei der Planung der JA Korneuburg umgegangen?

Auch bei der Errichtung einer Justizanstalt müssen die gültigen baulichen und vollzuglichen Standards eingehalten werden, was bei uns auch berücksichtigt worden ist. Es darf eigentlich nicht verwundern, dass ein neues Gebäude schöner und moderner wirkt, jedoch weit von einer luxuriösen Ausgestaltung entfernt ist.

Absichtlich harte Haftbedingungen sind unwirksam bis kontraproduktiv. Wie wurde das bei der Planung bedacht, und wie wirkte es sich auf die Architektur aus?

Das Wesen der Freiheitsstrafe ist der Freiheitsentzug, über die diesbezüglichen Vorgaben im StVG sind keine anderen Beschränkungen notwendig. Es ist daher wichtig, die Haftbedingungen so weit als möglich an die Verhältnisse im normalen Alltag anzugleichen.

Die Justizanstalt Korneuburg verfügt über Ein- und Zweipersonenhafträume mit insgesamt 267 Haftplätzen in drei Männerabteilungen, einer Frauenabteilung und einer Freigängerabteilung, die vom geschlossenen Vollzug vollständig getrennt ist.              

Jede der drei Männerabteilungen ist baulich in drei weitere Unterabteilungen gegliedert, wodurch unterschiedliche Belegskonzepte möglich sind. So wird jeweils eine Unterabteilung als „offene Abteilung“ geführt, in welcher die Hafträume 24 Stunden pro Tag geöffnet sind.

In der Nacht werden nur die Außentüren des Unterabschnittes versperrt, weshalb sich die Insassen innerhalb der Abteilung frei bewegen können. Jeweils eine weitere Unterabteilung wird „halboffen“ geführt, dabei sind die Hafträume von 07:00 bis 18:00 Uhr geöffnet. Lediglich ein Drittel der Insassen wird im geschlossenen Vollzug angehalten. Dabei handelt es sich um neu    eingetroffene Häftlinge oder um Personen, die sich nicht für den gelockerten Vollzug eignen. Da     die Anhaltung in den offenen Bereichen von den meisten Insassen angestrebt wird, ergibt sich fast von selbst eine gute Führung, da Ordnungswidrigkeiten oder Unverträglichkeiten eine Verlegung in den geschlossenen Bereich zur Folge haben. Dieses progressive System erzielt in Kombination mit der hohen Beschäftigungsquote – mehr als 2/3 der Insassen können beschäftigt        werden – eine hohe erzieherische Wirkung.

In der Frauenabteilung wird ebenfalls individuell unterschieden, ob bzw. wie lange die Hafträume geöffnet bleiben können. Im Regelfall bleiben aber die Hafträume bis 21.00 Uhr geöffnet.

2017 berichteten Sie von einem Rückgang der Ordnungswidrigkeiten um rund 20 Prozent; die Kosten für Medikamente pro Person hätten sich um zwei Drittel verringert. Sind diese Zahlen noch immer aktuell? Oder kam es dazu, weil die Insass*innen schlechtere Haftbedingungen im alten Gebäude erlebt hatten?

Die Reduzierung bei diesen Kennzahlen haben sich über einen Zeitraum von fünf Jahren bestätigt, was sowohl durch bauliche als auch organisatorische Maßnahmen bewirkt worden ist.

Sehen Sie darin die Bedeutung der Architektur?

Die Architektur kann neben den wichtigen organisatorischen Entscheidungen einen wesentlichen Beitrag liefern, indem die Rahmenbedingungen etwa durch kleinere Abteilungen mit hellen, zweckmäßig eingerichteten Hafträumen für 1 bis 2 Personen mitgestaltet werden.

Welche Rolle nimmt die „Kunst am Bau“ in der JA Korneuburg ein?

Vom Justizministerium wurde die Entscheidung getroffen, „Kunst am Bau“ im öffentlich zugängigen Bereich des Justizzentrums, dem freien Platz zwischen Justizanstalt und Landesgericht sowie in der Eingangshalle des Landesgerichts umzusetzen, was von mir begrüßt worden ist.

Oft wird bemängelt, dass sich Insass*innen nicht genug bewegen können. Was wurde dagegen unternommen?

Durch die Unterbringung im offenen und halboffenen Vollzug kommt es insgesamt zu einer durchschnittlichen Einschlusszeit von 11,25 Stunden pro Insasse und Tag, wobei für die  Bewegungsmöglichkeiten neben den Höfen für den Aufenthalt im Freien ein Sporthof und ein Turnsaal sowie ein Trainingsraum in jeder Unterabteilung errichtet worden sind.

Die Architektin Andrea Seelich schreibt, dass Planer*innen um Fortschritt bemüht sind, weshalb sie Gesetze hinterfragen und neue Lösungen erarbeiten sollten. Wie sah dies bei der Planung der JA Korneuburg aus?

Der planende Architekt war bei technischen Fragen sehr zukunftsorientiert, so wurde die Justizanstalt als Niedrigenergiehaus mit Passivhauselementen errichtet. Fortschrittliche Ideen zum Thema Strafvollzug wurden eher beim Raum- und Funktionskonzept eingebracht und vom Architekten umgesetzt.

Der Strafvollzug ändert sich. Selbst, wenn es langwierige Wandlungen sind. Wie wirkt sich das auf die Planung aus? Wie flexibel ist die JA Korneuburg errichtet worden?

Gerade die Abteilungen sollten entweder für eine geringe Belegszahl oder leicht abtrennbar errichtet werden, sodass rasche Umwidmungen oder Konzeptänderungen möglich sind. In der JA Korneuburg war es aufgrund der Baulichkeit zum Beispiel leicht möglich, schnell eine Quarantäneabteilung einzurichten.

Vor allem der Lockdown hat gezeigt, wie wichtig genügend Raum ist. In einer JA ist das nur sehr selten der Fall. Wie reagierte die JA Korneuburg darauf?

Zu Beginn des Lockdowns war vor allem Unsicherheit und Angst sowohl bei den Bediensteten wie auch den Insassen verspürbar. Durch entsprechende offene Kommunikation und Weitergabe von Informationen an die Insassen konnte auch genügend Verständnis für das Besuchs- und Ausgangsverbot sowie die Einschränkungen bei den Arbeits-, Bildungs- und Freizeitangeboten gefunden werden. Besonders die schnelle Einführung der Videotelefonie, die jeder Insasse zwei- bis dreimal pro Monat in Anspruch nehmen konnte, und die Wiederaufnahme der Besuche ab 11.5.2020 haben zu einem ruhigen Klima beigetragen.

Wurden Maßnahmen zur Vermeidung von Überbelegung getroffen?

Durch das Aufstellen von Stockbetten wurde für einen 10-prozentigen Überbelag vorgesorgt.

Wie beurteilen Sie die aktuellen Änderungen in der Architektur von Gefängnissen?

Die Bauvorhaben der letzten Jahre (Leoben, Salzburg, Eisenstadt, Asten, Korneuburg) haben eine deutliche Verbesserung der Standards gebracht und gezeigt, dass die Beteiligung von erfahrenen Strafvollzugspraktikern unbedingt notwendig ist.

In den USA gibt es Hochsicherheitsgefängnisse. Dort wurde der Kontakt zwischen Insass*innen und Personal aufs Minimum verringert. Gibt es in Österreich ähnliche Absichten?

Neben den technischen Einrichtungen ist die Präsenz der Vollzugsbediensteten für mich extrem wichtig. Diese intensive Befassung mit jedem Insassen ist natürlich besonders aufwändig und stellt hohe Ansprüche an das Personal, bringt aber die erforderlichen Kenntnisse, um z. B. die Risiken bei Vollzugslockerungen wie unbewachten Außenarbeiten oder Ausgängen zu minimieren. Ich bin sehr froh, dass in Österreich keine derartigen Absichten wie in den USA erkennbar sind.

Braucht es mehr Diskussionen über den Bau von Justizanstalten?

Neben der stärkeren Präsenz von Strafvollzugsthemen auch außerhalb von besonderen Ereignissen in öffentlichen Medien wäre eine Auseinandersetzung mit der Notwendigkeit von Neubauten von Justizanstalten sehr zu begrüßen, da circa 80 % der Justizanstalten ein Alter ihrer Bausubstanz von mindestens 40 Jahren aufweisen.

Oberst Turner, vielen Dank für das Interview!
Corona-bedingt fand dieses Interview schriftlich statt.

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