Einmal um die Welt – Gefängnisse im internationalen Vergleich

Elf Millionen Menschen sitzen aktuell hinter Gittern. Zu diesem Schluss kommt die Online Datenbank „World Prison Brief“ in ihrem letzten Bericht aus dem Jahr 2016.

Die meisten Häftlinge findet man laut einer Rotkreuz-Studie in den Vereinigten Staaten von Amerika, China, Russland und Brasilien. Die Anzahl der InsassInnen und die Haftbedingungen können stark variieren, wie ein internationaler Vergleich zeigt.

© Bastøy Prison

Brasilien gehört zu den Ländern mit den meisten Inhaftierten weltweit. Laut dem Bericht von Amnesty International von 2017/2018 befinden sich geschätzte 727.000 Personen in brasilianischen Gefängnissen. Die Gesamtpopulation in Brasilien beträgt 207 Millionen Menschen. Laut dem Justizministerium sind 55 Prozent dieser Menschen zwischen 18 und 29 Jahre alt und 64 Prozent der InsassInnen afrikanischer Abstammung. Wichtig zu erwähnen ist die Tatsache, dass 40 Prozent der Häftlinge noch nicht verurteilt wurden. Sie befinden sich in Untersuchungshaft und müssen oft mehrere Monate warten, bis ihr Prozess beginnt.

Brasilien: massive Überbelegung

Viele der Gefängnisse in Brasilien sind heillos überfüllt. Laut einem Bericht von Christina Bell im Südwind Magazin liegt die Auslastung in privat geführten Gefängnissen bei ca. 167 Prozent. Auch Human Rights Watch kritisiert die Überlastung: In seinem Bericht erzählt César Muñoz von seinem Besuch in einem Gefängnis im brasilianischen Bundesstaat Pernambuco. Die Zellen sind feucht und unhygienisch, in einer Zelle gibt es sechs Betten aus Zement für sechzig Männer, die nicht einmal genug Platz am Boden haben, um sich niederzulegen. Während seines Besuchs sah César Muñoz, dass die Schlüssel zu den Zellen teilweise in den Händen von InsassInnen waren, die von Wachen zuvor ausgewählt wurden, während die Wachen nur im Außenbereich des Gefängnisses patrouillierten. Der Forscher hat Männer interviewt, die Opfer von Gruppenvergewaltigungen wurden. Die Fälle wurden nie untersucht, geschweige denn die Täter bestraft. Es ist deshalb auch wenig überraschend, dass es in brasilianischen Gefängnissen auch regelmäßig zu brutalen Gefängnisrevolten kommt. Im Jänner 2017 starben mehr als 120 Menschen bei Revolten in mehreren brasilianischen Gefängnissen.

Die Gefängnisinsel im Norden Europas

Dass Gefängnis auch anders geht, zeigt Norwegen eindrucksvoll, eine Nation von 5,2 Millionen Menschen. Geschätzte 3.700 InsassInnen leben in norwegischen Haftanstalten. Ziel ist es laut Splinter, dass die Haftbedingungen in Norwegen ein Leben außerhalb des Gefängnisses imitieren sollen, um so die InsassInnen für ein Leben nach der Haft vorbereiten zu können. Im Oslo Skien Gefängnis haben Häftlinge ihr eigenes privates Badezimmer, einen TV und sogar Videospiele. Eines der bekanntesten Gefängnisse in Norwegen ist das Bastøy Gefängnis. Es ist das größte Gefängnis mit niedriger Sicherheitsstufe in Norwegen. Das Besondere hier ist, dass es sich auf einer Insel befindet, der Bastøy Insel in den Fjorden Oslos. Die Haftanstalt erstreckt sich über die ganze Insel, der nördliche Teil mit dem Nordbukta Strand ist aber für die Öffentlichkeit zugänglich. Auf der offiziellen Webseite heißt es weiter, dass dieses Gefängnis wie eine kleine Gemeinschaft organisiert ist. Es gibt 80 Gebäude, Straßen, Strandbereiche, kulturelle Landschaften, einen Fußballplatz, Agrarland und einen Wald. Neben der Funktion als Haftanstalt gibt es auf dieser Insel auch noch ein Geschäft, eine Bücherei, Gesundheitsservices, ein Informationsbüro, eine Schule und eine Kirche. Um die Verlegung auf diese Insel können sich Häftlinge in Norwegen bewerben, wenn sie nur mehr bis zu fünf Jahre ihrer Haft abzusitzen haben. Es kann sich jede/r Insasse/in bewerben, egal welches Verbrechen sie/er begangen hat, sie müssen nur den Anforderungen gerecht werden. Eine der Hauptanforderungen ist die Entschlossenheit, nach der Entlassung ein deliktfreies Leben zu führen. KritikerInnen bezeichnen das Bastøy Gefängnis gerne als zu luxuriös und angenehm für die InsassInnen, die unter anderem wegen Mordes oder Vergewaltigung verurteilt wurden. Die Rückfallrate spricht jedoch für sich – das Bastøy Gefängnis hat die niedrigste Rückfallrate in ganz Europa. Erwin James hat für The Guardian die Insel besucht und sich mit InsassInnen unterhalten. Das Erfolgsgeheimnis ist laut den interviewten Häftlingen die Tatsache, dass sie hier wie Erwachsene behandelt werden, man gibt ihnen Verantwortung und vertraut den Häftlingen. Die Inhaftierten können sich weiterbilden, es gibt Trainingsprogramme und Lehrausbildungen.

Steigende Zahl von älteren Inhaftierten

Auf der anderen Seite der Erde, in Japan, kämpfen die Haftanstalten nicht mit Überlastung, dafür jedoch mit einer immer älter werdenden Gefängnispopulation. Aktuell liegt die Anzahl von inhaftierten Menschen in Japan bei ca. 60.500 Personen. Seit 2005 hat sich die Zahl der InsassInnen laufend verringert, die Auslastung liegt im Moment laut Prisoner Insider bei 67,1 Prozent. Ausnahmen gibt es, v.a. Frauengefängnisse, wo die Überlastung noch ein Problem darstellt. In Japan werden Untersuchungshäftlinge nicht im selben Gefängnis wie verurteilte TäterInnen untergebracht. Männer und Frauen leben in getrennten Einrichtungen und Jugendliche unter 20 Jahre werden nicht in denselben Anstalten wie Erwachsene eingesperrt. 80 Prozent der Häftlinge wurden zu drei oder weniger Jahren verurteilt, die Mehrheit wegen Diebstahls, Drogendelikten oder Betrug. Ca. 10 Prozent der Inhaftierten befinden sich in Untersuchungshaft. Es gibt neun Frauengefängnisse in Japan, die Anzahl der weiblichen Häftlinge ist in den letzten Jahren stark gestiegen, weshalb Japan mit der starkten Überlastung von Frauengefängnissen konfrontiert ist. Es werden immer mehr Frauen für Bagatellstraftaten wie Diebstahl oder Verkehrsdelikte verurteilt. Niedrige Pensionen drängen ältere Frauen, vor allem Witwen, dazu, Diebstähle zu begehen. Dass Japan eine immer älter werdende Gesellschaft ist, ist vielen bekannt. Jedoch hat dieser Trend auch Auswirkungen auf die Gefängnisse. In den letzten zwei Jahrzehnten ist die Zahl der älteren Inhaftierten stark gestiegen. Einige Haftanstalten gleichen immer mehr Altenheimen. Im Jahr 2015 war einer von fünf Häftlingen über 60 Jahre alt. Die meisten älteren Inhaftierten wurden wegen kleinerer Verbrechen wie Taschendiebstahl, Ladendiebstahl oder Raddiebstahl verurteilt.

Ein Teil des Wohnkomplexes auf der Gefängnisinsel Bastøy © Bastøy Prison

Überlastete Gefängnisse in Südafrika

Während in Japan die Anzahl der älteren InsassInnen steigt, ist die Auslastung jedoch noch weit von Überlastung entfernt. Anders sieht es in Südafrika aus. In Südafrika gibt es 243 Gefängnisse, insgesamt leben ca. 160.000 Menschen hinter Gittern. Die Auslastung liegt laut Prison Insider bei 135 Prozent. Laut africacheck.org ist die Überlastung im urbanen Raum noch dramatischer. Im Jahr 2015/2016 war das Johannesburg Correctional Centre’s Medium B zu 233 Prozent ausgelastet. Dies bedeutet, dass es 1.736 Betten zu wenig gab. Diese Überlastung führt zu erschwerten Haftbedingungen. Es gibt Zellen, in denen zwei- bis dreimal so viele InsassInnen wie vorgesehen leben. Häftlinge haben oft keinen Zugang zu angemessener medizinischer Versorgung und auch Bildung, Arbeit und sportliche Aktivitäten sind für viele Inhaftierte in südafrikanischen Gefängnissen kaum zu bekommen. Wie bereits an brasilianischen Haftanstalten kritisiert, kommt es auch in Gefängnissen in Südafrika zu Gewalt und Misshandlungen: Hinter Gittern kommt es oft zur Gangbildung und auch sexuelle Misshandlungen sind keine Seltenheit. Die Ursache findet man in der Überlastung der Gefängnisse und der Unterbesetzung an Gefängnispersonal. Auch in anderen afrikanischen Ländern ist die Überbelastung der Gefängnisse ein großes Problem. Laut The Guardian ist auch das Maula Gefängnis in Lilongwe, Malawi, stark überbelegt. Im Jahr 2015 mussten knapp 200 Menschen in einer 60-Mann-Zelle leben. Die Inhaftierten, viele davon sind MigrantInnen aus Äthiopien, hatten eine Toilette für 120 Personen zur Verfügung und mussten sich mit 900 anderen Menschen einen Wasserhahn teilen.

Überbelegung auch in Deutschland

Die Überlastung von Gefängnissen ist nicht nur in afrikanischen Ländern ein immer größer werdendes Problem. Auch bei unseren Nachbarn in Deutschland stoßen immer mehr Justizanstalten an ihre Grenzen. Um die 180 Gefängnisse gibt es im Moment in Deutschland, in diesen leben knapp 65.000 Menschen. Die Auslastung lag 2017 laut World Prison Brief bei 87 Prozent. Wie das Handelsblatt berichtet, sind vor allem in den Bundesländern Sachsen, Baden-Württemberg, Berlin, Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen die Haftanstelten überlastet. Dies zeigt eine Umfrage der Deutschen Presseagentur. Die Überlastung führt zur Doppelbelegung von Zellen oder der Verlegung von Gefangenen in andere Haftanstalten. Neben der Überbelegung hängen die Haftbedingungen in Deutschland auch oft vom Bundesland ab. Besuchszeiten, zum Beispiel, können stark variieren wie die Süddeutsche Zeitung berichtet. Im Süden Deutschlands, in Bayern und Baden-Württemberg, darf ein/e Insasse/in nur einmal im Monat für eine Stunde Besuch empfangen, in anderen Bundesländern wie Brandenburg haben die Häftlinge Anspruch auf vier Stunden. Auch der offene Vollzug und der Hafturlaub werden in den Bundesländern teilweise sehr unterschiedlich gehandhabt.

Und Österreich?

Auch in Österreich ist die Überbelegung ein Thema. In den insgesamt 27 Justizanstalten leben laut Justizministerium derzeit knapp 9.000 Personen. Mit einer Gesamtbelagskapazität von 8.900 sind auch wir mit dem Problem der Überlastung der Haftanstalten konfrontiert. Laut Bericht „Gefangenraten im internationalen und nationalen Vergleich“ von Frieder Dünkel et al. liegt Österreich international verglichen im Mittelfeld. Während in nordeuropäischen Ländern wie in Island auf 100.000 Personen nur 45 Häftlinge kommen, sind es in Österreich 95 InsassInnen en auf 100.000 der Wohnbevölkerung. Der Großteil der Inhaftierten in Österreich verbüßt eine Haftstrafe von null bis einem Jahr (40,7 Prozent) bzw. ein bis fünf Jahren (44,2 Prozent). Fünf bis zehn Jahre Haft betreffen 9,9 Prozent, zehn bis zwanzig Jahre 3,9 Prozent und über zwanzig Jahre bis lebenslang nur 1,3 Prozent der Untergebrachten. Neben der Überbelegung werden auch die teilweise desolaten Zustände in manchen österreichischen Gefängnissen kritisiert. Die Justizanstalt Josefstadt ist eines der Gebäude, das immer wieder in der Kritik steht. Wie orf.at Anfang Juli berichtete, fand Gewerkschaftschef Albin Simma im „Ö1“-Morgenjournal für die Zustände in der JA Josefstadt klare Worte, „das ist ein uraltes Gebäude und diese ewig langen Wege innerhalb der Dienststelle, da ist ein Neubau unabdingbar“.

Fazit: Gefängnis ist nicht gleich Gefängnis

Der internationale Vergleich zeigt, dass Gefängnis nicht gleich Gefängnis ist. Haftbedingungen können stark variieren: während in Norwegen InsassInnen auf einer Insel leben, herrschen in vielen brasilianischen Gefängnissen chaotische, wenn nicht katastrophale Zustände. Um Ihnen, unseren LeserInnen, die Haftbedingungen rund um den Globus näher zu bringen, starten wir Anfang 2019 mit unserer Reihe „Internationale Gefängnisse“, in der wir in jeder Ausgabe ein anderes Land und dessen Gefängnisse vorstellen werden.

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