Amerikas Gefängnisse gehören zu den gefährlichsten Orten der Nation, wenn es um Infektionen durch das Coronavirus geht. Im vergangenen Jahr wurden in diesen Einrichtungen täglich durchschnittlich mehr als 1.400 Neuinfektionen und sieben Todesfälle von Insass*innen gemeldet.

Reporter*innen der New York Times verfolgten seit März letzten Jahres alle bekannten Coronavirusfälle in den 2.805 Justizvollzugsanstalten (Staats- und Bundesgefängnisse, Haftanstalten für Einwander*innen, Jugendstrafanstalten sowie Bezirks- und Regionalgefängnisse) der Vereinigten Staaten. Dieser Bericht basiert auf ihrer Recherche.*

Das Virus hat überall in den Vereinigten Staaten Elend und Verlust verursacht, am stärksten hat es aber unter den Inhaftierten gewütet, deren Infektionsrate um ein Vielfaches höher war als in der restlichen Bevölkerung. Ein Jahr nach Beginn der Pandemie ist bekannt, dass eine*r von drei Insass*innen in staatlichen Gefängnissen (diese fallen in die Zuständigkeit der Bundessaaten) mit dem Virus angesteckt wurde. In Bundesgefängnissen wurden mindestens 39 Prozent der Inhaftierten infiziert. Die tatsächliche Zahl ist aller Wahrscheinlichkeit um einiges höher, da es massiv an Tests mangelt. Die Daten zeigen auch, dass die Coronatodesrate von Insass*innen höher war als die der sonstigen Bevölkerung. Mindestens 2.700 Menschen sind in Haft verstorben.

Die beengten, oft unhygienischen Verhältnisse in Gefängnissen sind ideal für die Übertragung von Krankheiten. Die Einhaltung von Sicherheitsabständen ist keine Option und der Zugang zu hochwertiger Gesundheitsversorgung mangelhaft. Zudem sind Gefängnisse manchmal so überfüllt, dass jeweils drei Insass*innen in einer Zelle schlafen müssen, die für eine Person ausgelegt sind.

Das Virus verbreitete sich in vielen Anstalten explosionsartig, und Insass*innen suchten verzweifelt nach Wegen, um Ansteckungen zu vermeiden. In einem Gefängnis in Ohio versuchten Insass*innen, Bettlaken in Zelte zu verwandeln, um sich voneinander abzusondern. Vier von fünf Insass*innen in dieser Einrichtung wurden trotzdem infiziert.

„Die Justizvollzugsanstalten haben es immer wieder versäumt, selbst die grundlegendsten lebensrettenden Maßnahmen zu ergreifen, um Inhaftierte vor Covid-19 zu schützen“, sagte Maria Morris von der Bürgerrechtsorganisation ACLU.

Zusätzlich zu den Insass*innen erkrankten mehr als 138.000 Gefängnis- und Strafvollzugsbeamt*innen, von denen laut den von der New York Times gesammelten Daten 261 starben.

Trotz Warnungen waren viele Gefängnisse nicht auf das Virus vorbereitet

Gesundheits- und Strafjustizexpert*innen räumen ein, dass die Todesfälle und viele der bisher mehr als 525.000 Erkrankungen zu verhindern gewesen wären. Es gab viele Gründe für die schnelle Ausbreitung des Virus in den Gefängnissen, aber gewisse Probleme waren ausschlaggebend.

Ein Jahr nach Beginn der Pandemie haben Gefängnisbeamt*innen im ganzen Land zugegeben, dass ihr erster Ansatz zur Prävention und Bekämpfung des Virus schlecht war und auf Versuch und Irrtum basierte. Die Neuartigkeit des Virus, so sagten einige, habe ein frühes entschlossenes Handeln fast unmöglich gemacht, weil so wenig darüber bekannt gewesen sei, wie es sich ausbreite. In einigen Staaten dauerte die unorganisierte Reaktion jedoch bis weit in die Pandemie hinein.

Bereits im Februar letzten Jahres warnten Beamt*innen des öffentlichen Gesundheitswesens die Gefängnisdirektor*innen, dass Gefängnisse insbesondere zum Schutz von älteren Insass*innen Vorsichtsmaßnahmen gegen das Virus ergreifen müssten. Die Gesundheitsbehörden wiesen darauf hin, dass ohne grundlegende Maßnahmen (z. B. Einhaltung von Sicherheitsabständen, Verbesserung sanitärer Einrichtungen und Abbau der Überbelegung) Gefängnisse zu Brutstätten für das Virus werden können.

Nur wenige Staaten beherzigten diese frühen Warnungen. Viele konzentrierten ihre Bemühungen darauf, das Virus von den Gefängnissen fernzuhalten und verboten etwa Familienbesuche, anstatt Pläne zu erstellen, wie mit Ausbrüchen umzugehen sei, wenn das Virus erst einmal hinter Gittern angekommen sein werde. 

Unter anderem begünstigten folgende Unzulänglichkeiten die Ausbreitung des Coronavirus in den Strafvollzugsanstalten: Häufig wurden kranke Insass*innen nicht ausreichend unter Quarantäne gestellt und von Justizvollzugsbeamt*innen keine Coronatests verlangt. In manchen Bundesstaaten wurden Insass*innen von einer Einrichtung in eine andere verlegt, ohne sie vorher zu testen. Andere setzten die Regel nicht durch, nach denen die Justizvollzugsbeamt*innen verpflichtet waren, Masken zu tragen. Ein texanisches Gefängnis versäumte es, ausreichend Seife zur Verfügung zu stellen, ließ Waschbecken in schlechtem Zustand und verbot Handdesinfektionsmittel.

Das größte Hindernis bei der Eindämmung des Virus ist die massive Überbelegung der Gefängnisse 

Seit den 1980-er Jahren ist die Zahl der Inhaftierten in den USA um mehr als 500 Prozent gestiegen, und etwa 1,4 Millionen Menschen – mehr als die Hälfte davon Afro- oder Hispanoamerikaner*innen – sitzen heute hinter Gittern.

Staatliche Gefängnisse haben so viele Insass*innen, dass Turnhallen in Wohnbereiche umgewandelt werden mussten. Auch Freizeitareale wurden verkleinert oder abgeschafft, um mehr Betten unterzubringen, und statt Zellen gibt es Schlafsäle, in denen Insass*innen in zwei- oder dreistöckigen Stockbetten schlafen, die fast den gesamten Platz der Räumlichkeiten einnehmen. Diese Veränderungen haben dazu geführt, dass sich das Virus, wenn es in ein Gefängnis eindringt, rasend schnell verbreitet.

Trotz der Aufrufe verschiedener Menschenrechtsgruppen, internationaler Organisationen und Expert*innen, die Gefängnispopulationen inmitten der Pandemie zu reduzieren, haben nur eine Handvoll Staaten mehr als ein paar Tausend Insass*innen vorzeitig entlassen. Eine beträchtliche Anzahl von Gefängnissen entlässt kranke Insass*innen, ohne sie in ihre Infektionszählungen einzubeziehen. Nur wenige Gouverneure gewährten weitreichende Entlassungen und ließen die meist gefährdeten Insass*innen in Haft. 

Als das Virus ankam, haben Gefängnisse nicht schnell genug gehandelt

Da es wenig öffentlichen Druck gab, sind die politischen Führer nur langsam gegen die Ausbreitung des Virus in Gefängnissen vorgegangen. Die Herausforderungen bleiben auch jetzt noch groß, und die Infektionen unter Inhaftierten steigen weiter an.

Gefängnisse haben nur sporadisch die Kontakte von infizierten Insass*innen und Justizvollzugsbeamt*innen zurückverfolgt, um zu verstehen, wer dem Risiko einer Infektion ausgesetzt war. Dies habe ihre Fähigkeit beeinträchtigt, das Eindringen des Virus in die Einrichtungen zu verhindern und seine Übertragung zu begrenzen, so die Gesundheitsbehörden.

Insass*innen wurden nur schleppend getestet, selbst diejenigen, die Krankheitssymptome wurden oft nicht getestet. Ein Jahr nach Beginn der Pandemie hat zwar die Mehrheit der Bundesstaaten alle ihre Gefängnisinsass*innen mindestens einmal auf das Virus getestet, allerdings wären für Menschen, die in solch beengten Räumen leben, häufigere Tests angebracht. Einige Staaten, darunter Alabama, Georgia und Mississippi, haben noch nicht alle Insass*innen getestet.

Die Gefängnisse in Alabama haben eine der niedrigsten Testraten (ein Viertel der Insass*innen hat nie einen Test erhalten) und die zweitniedrigste Fallrate aller staatlichen Gefängnissysteme – aber eine der höchsten Coronavirustodesraten in den USA. Dies deutet darauf hin, dass das Virus unerkannt bleibt, bis es zu spät ist. In einigen Fällen werden sogar die Todesfälle unterschätzt.

Ausbrüche überschwemmten viele Einrichtungen und infizierten dort fast jeden Gefangenen

„Mann am Boden! Mann am Boden!“ – Insassen berichten, dass diese panischen Worte mehrmals täglich aus den Walkie-Talkies der Wärter ertönten, als das Coronavirus im Juni im kalifornischen San Quentin State Prison ausbrach und schließlich 28 Insassen tötete und mehr als 2.200 weitere infizierte – etwa drei von fünf Inhaftierten. 

Einige starben im Schlaf. Einige waren zu krank, um aufzustehen. Einige wurden ohnmächtig und erlangten das Bewusstsein nicht wieder. Ältere Insassen brachten handgeschriebene Schilder vor ihren Zellen an, auf denen „immungeschwächt“ stand, damit die Wärter in ihrer Nähe Masken tragen. Andere Insassen weigerten sich, ihre Zellen zu verlassen, aus Angst, sich mit dem Virus anzustecken.

Der Ausbruch begann, nachdem Beamt*innen mehr als 100 medizinisch gefährdete Insassen aus einem anderen südkalifornischen Gefängnis nach San Quentin verlegt hatten. Die verlegten Männer benutzten die gleichen Duschen und aßen im gleichen Speisesaal wie andere Insassen von San Quentin. Einundneunzig von ihnen wurden später positiv auf das Virus getestet. Innerhalb weniger Wochen war die große Mehrheit der Insassen in San Quentin infiziert. Hunderte von Gefängnismitarbeiter*innen wurden ebenfalls infiziert, einer starb.

Mindestens 124 Einrichtungen im ganzen Land hatten mit ähnlichen oder schwereren Ausbrüchen zu kämpfen als San Quentin, wobei mindestens 60 Prozent der Insass*innen infiziert wurden.

Langsame Fortschritte bei Impfungen und die Bedrohung durch Varianten hinterlassen Unsicherheit

Die Reaktion der Gefängnisse auf die Pandemie hat sich im Laufe des vergangenen Jahres in gewisser Weise verbessert – Tests, insbesondere bei der Aufnahme, und das Tragen von Masken sind weiter verbreitet. Aber Gefängnisse werden in erster Linie mit Blick auf die Sicherheit gebaut und nicht, um als Krankenhäuser oder Hospize zu fungieren. Angesichts des Alters und des schlechten Gesundheitszustands vieler Insass*innen sind diese nach wie vor besonders anfällig für Infektionen und Krankheiten.

In den letzten Wochen sind bereits neue, ansteckendere Varianten des Virus in den Gefängnissen mehrerer Bundesstaaten aufgetaucht. Expert*innen meinen, dass diese Varianten wahrscheinlich in Gefängnissen weiter verbreitet sind als bekannt, da die meisten Einrichtungen nicht regelmäßig auf sie untersuchen.

Zu Beginn des landesweiten Impfprogramms wurden Insass*innen in den meisten Bundesstaaten nicht vorrangig geimpft, obwohl sie ein erhöhtes Infektions- und Sterberisiko haben. Im April kündigten die meisten Bundesstaaten an, Insass*innen in den folgenden Monaten zu impfen.

Den staatlichen Gefängnisbeamt*innen zufolge, zögern jedoch viele Insass*innen und Justizvollzugsbeamt*innen, sich impfen zu lassen. All das führe dazu, dass die Möglichkeit, zukünftige Ausbrüche zu verhindern, ungewiss sei, selbst wenn ein Großteil der Nation geimpft sei, so Gesundheitsexperten. Dieser Wahrscheinlichkeit sind sich auch Insass*innen bewusst. James Moore, ein Insasse der G. Robert Cotton Correctional Facility in Michigan, sagte in einem Interview mit der New York Times: „Es ist unvermeidlich. Also lehnen wir uns im Grunde nur zurück und warten ab, bis wir krank werden.“

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* Dieser Bericht basiert auf dem New York Times-Artikel Incarcerated and Infected: How the Virus Tore Through the U.S. Prison System von Eddie Burkhalter, Izzy Colón, Brendon Derr, Lazaro Gamio, Rebecca Griesbach, Ann Hinga Klein, Danya Issawi, K. B. Mensah, Derek M. Norman, Savannah Redl, Chloe Reynolds, Emily Schwing, Libby Seline, Rachel Sherman, Maura Turcotte und Timothy Williams. Der Artikel erschien am 10. April 2021 online auf www.nytimes.com. 

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