Gewalt gegen Frauen ist das Thema in dem neuen Buch der Journalistin Antje Joel. In unserem Interview erzählt die Autorin über die Problematik als „Opfer“ gesehen zu werden und warum Hilfe nicht immer nur positiv ist. Das Interview fand wegen der Corona-Situation schriftlich statt.

Die Autorin Antje Joel (Foto Marta Faye)

Frau Joel, was hat Sie bewogen dieses Buch zu schreiben?
Die Zahlen. Auch ich fand sie zunächst unglaublich. Obwohl diese Zahlen seit Jahrzehnten bekannt sind und sich in den vergangenen 40 Jahren kaum verändert haben, allenfalls nach oben. Jede dritte Frau ist von Partnerschaftsgewalt betroffen! Und ich hatte jahrzehntelang geglaubt, ich sei praktisch allein so „doof, mich schlagen zu lassen“. Das wird den Frauen so suggeriert: dass sie „unnormal“ sind. Dass sie diejenigen sind, mit denen etwas nicht stimmt. Ich habe gedacht, es darf nicht sein, dass so viele Frauen betroffen sind – aber immer weiter so getan wird, als handele es sich hier um ein individuelles Problem. Ich hatte keine Lust mehr, mich in einer Ecke zu schämen und mir auf diese Art das Maul verbieten zu lassen.

Welche sind die ersten Warnzeichen an denen Frauen einen problematischen Partner erkennen können?
Frauen solche Warnzeichen an die Hand zu geben, finde ich problematisch, weil damit wieder leicht der Eindruck erweckt wird, es sei die Verantwortung der Frauen, nicht an „solche Männer zu geraten“. Tatsächlich liegt es in der Verantwortung der Männer, keine Gewalt auszuüben. Das vorausgeschickt: ein erstes Warnzeichen für mich ist, wenn ein Mann abwertend über Frauen spricht. Das kann auf tückische Art passieren. So, dass es scheinbar als Kompliment daherkommt: „Du bist ganz anders als andere Frauen! Ich habe noch nie eine so tolle Frau getroffen!“ Was für ein Kompliment, das darauf basiert, alle anderen Frauen zu entwerten! Als der britische Premierminister Boris Johnson mit Covid-19 auf der Intensivstation lag und sein Stellvertreter sagte: „Er wird es schaffen, denn er ist ein Kämpfer!“, fand ich das nicht nur unglaublich dumm. Es war auch eine Unverschämtheit gegenüber den Zehntausenden, die es nicht geschafft haben und es nicht schaffen werden. Die haben also nur nicht genug gekämpft?

Welche präventiven Maßnahmen schlagen Sie vor damit Frauen schneller erkennen können, dass ihr Partner ein Gewaltproblem hat?
Das ist wieder so eine Frage wie die Frage oben. Auch sie überträgt den Frauen die Verantwortung. Unser Gewaltproblem liegt aber nicht darin begründet, dass Frauen die Gewalttätigkeit gewisser Männer nicht rechtzeitig erkennen. Unser Problem sind diese Männer, die glauben ein Recht zu haben, gegenüber Frauen Gewalt auszuüben. Und eine Gesellschaft, die sich zu Komplizen dieser Männer macht und sie weitestgehend in ihrer Gewalttätigkeit unterstützt und fördert. Da muss die Prävention ansetzen.

Wie sollen sich Angehörige von Gewaltopfern verhalten, um helfen zu können?
Da allgemein zu raten, ist schwierig, da jede Frau und jede Situation anders ist. Jede Hilfe muss auf die Personen und die Umstände abgestimmt ein. Grundsätzlich finde ich wichtig, dass man den Frauen zuhört. Dass man ihnen glaubt. Und dass man ihnen auf Augenhöhe begegnet, und nicht von einem Retter-Podest herab mit ihnen spricht. Mir hat damals der Aktivismus vieler „Helfer“ genauso viel Angst gemacht, wie die Gewalt des Täters. Ich fühlte mich von ihnen oft auf ähnliche Art erniedrigt: Sie hatten einen Plan! Sie wussten, was ich zu tun und zu lassen hatte! Und zwar: Sofort! Sie wussten, was „das Beste“ für mich war. In all dem glich ihr Verhalten dem Verhalten des Täters. Das gilt es zu vermeiden. Und die Gewalt des Täters muss ohne Wenn und Aber verurteilt werden.

Wie beurteilen Sie den Umgang der Medien mit dem Thema?
Katastrophal! Das fängt bei den mittlerweile viel kritisierten, beschönigenden Begriffen wie „Familiendrama“ und „Beziehungsdrama“ an und hört da lange nicht auf. Kürzlich schrieb ich in einem Beitrag für eine große deutsche Wochenzeitung, dass die überwältigende Mehrheit der Gewaltopfer in Beziehungen Frauen ist. Die Kollegen fanden dann in einem Google-Schnelldurchlauf zwei Studien, die das Gegenteil zu belegen schienen: Frauen seien gewaltbereiter als Männer! Große Aufregung in der Redaktion! Auch der „Spiegel“ hatte sich ein paar Jahre zuvor auf diese Studien berufen. Beim Lesen der Studien stellt man allerdings schnell fest, dass ihnen ein weit gefasster Gewaltbegriff zugrunde gelegt wurde. Es wurde nicht unterschieden zwischen „eine Kaffeetasse schmeißen“ und „ins Krankenaus schlagen“. Gewalt war gleich Gewalt. Das ist unseriös und unwissenschaftlich. Die Studien waren von anderen Forschern scharf kritisiert und ihre „Ergebnisse“ mit zahlreichen unabhängigen Gegenstudien widerlegt worden. Dennoch wurden und werden sie in der Presse zitiert und herangezogen, um, immer wieder mal, zu „beweisen“, dass eben doch Männer die wahren Opfer sind. Katastrophal finde ich auch den Umgang mit den Opfern, beziehungsweise das Opferbild, dass von der Presse verbreitet und gefördert wird. Die Regieanleitung einer Talkshow an mich beispielsweise lautete: „Kämpferisch, aber sympathisch! Und bitte nicht unversöhnlich!“ Aha! Ich kann also nicht „kämpferisch und sympathisch“ sein. Bei Frauen ist beides noch immer ein Gegensatz. Und wem gegenüber sollte ich „bitte nicht unversöhnlich“ sein? Gegenüber den Tätern? Oder einer Gesellschaft, die sie stützt? Ich bin unversöhnlich, gegenüber beiden. Wäre ich’s nicht, würde man mir sicher auch das zum Vorwurf machen. Ich halte auch nichts von dem „Empowerment-Eifer“ der Presse für die Opfer. Ich möchte nicht dafür gelobt werden, dass ich „stark“ bin und „es geschafft habe“, mich zu befreien. Das ist wie bei Boris Johnson: Es gibt verflucht viele Frauen, die genauso stark sind oder stärker und sie es „nicht schaffen“. Oder noch nicht „geschafft“ haben. Da spielen so viele Umstände eine Rolle. Es ist nicht ihre Schuld!

Wieso macht die Lektüre von kitschigen Liebesromanen anfällig zur Duldung für häusliche Gewalt?
Der Narrativ in diesen Geschichten ist meist derselbe: Eine Frau sinkt nach langer Jagd auf sie dem schönen, reichen, gebildeten Mann in die Arme. Diese Romane erhalten die alten Rollenbilder. Und „Liebe“ ist in ihnen oft gleich „Hartnäckigkeit“ mit der der Mann der (zunächst unwilligen) Frau nachstellt. Studien kommen zu dem Schluss, dass Frauen, die solchen Narrativen glauben, eher bereit sind, im wirklichen Leben beispielsweise Stalking als Liebesbeweis hinzunehmen. Entgegen ihrem eigenen Unbehagen. Dieser Kitsch führt zu unrealistischen Vorstellungen und verführt uns, gegen unsere Intuition zu handeln.

Was sollte sich an dem klassischen Rollenbild einer Familie in der Gesellschaft ändern?
Das Bild von der Kern-Familie (Vater, Mutter, Kind) als heiligem und höchst privatem Ort muss zurechtgerückt werden: Die Weltgesundheitsorganisation hat diesen Ort schon vor Jahren als den gefährlichsten Ort für Frauen überhaupt erklärt. Und häusliche Gewalt ist nicht „privat“. Sie ist so wenig „häuslich“ wie andere Formen von Gewalt gegen Frauen: Notorische Unterbesetzung und -bezahlung in „typischen Frauenberufen“, geringere Bezahlung als Männer bei gleicher Arbeit, staatlich geförderte Armut alleinerziehender Mütter indem hingenommen wird, dass 60 Prozent der getrennt lebenden Väter keinen Cent Unterhalt zahlen. Stalking, Vergewaltigung.

Haben Sie Tipps für Betroffene von häuslicher Gewalt in der derzeitigen Corona-Situation?
Die gleichen wie auch in „normalen“ Situationen häuslicher Gewalt: Die Opfer sind nicht schuld. Sie tragen nicht die Verantwortung für die Gewalt der Täter. Die Verantwortung lässt sich auch nicht auf den Stress, die Angst, die Isolation, den Alkohol, und so weiter abladen. Die Täter tragen die Verantwortung für ihre Gewalt allein. Sobald man sich dazu in der Lage sieht, psychisch und physisch, ist es ein guter Schritt, sich Hilfe zu suchen. Wie die in dem Moment aussehen kann und sollte, wissen die Frauen meist selbst am besten.


Prügel
Eine ganz gewöhnliche Geschichte häuslicher Gewalt

Die Journalistin Antje Joel hat ein umfassendes Werk zum Thema Häusliche Gewalt verfasst, sie selbst war in zwei Gewaltbeziehungen und schildert auch aus eigenen Erfahrungen.

Antje Joel, „Prügel – Eine ganz gewöhnliche Geschichte häuslicher Gewalt“ Verlag Rowohlt 2020 (rororo), 336 Seiten, 12 Euro ISBN: 978-3-499-68043-4

„Es gibt einen Täter, der die Frau misshandelt“ – klare Worte und auf den Punkt gebracht. So liest sich auch das vor kurzem erschienene Buch von Antje Joel. Die eigene Geschichte verarbeitet sie innerhalb des Textes, immer wieder werden Fakten, Studien und Zahlen miteingebracht. Das macht das Buch sehr interessant zu lesen und es handelt sich dadurch auch nicht um einen Roman oder eine Biografie. Viel weiter geht die Autorin mit der Ausgangslage der eigenen Betroffenheit.
Klassische Klischees werden angesprochen: die Liebesromane und die Hollywood Liebesfilme, die allesamt ein altes Frauen- und Familienbild unterstützen. Fehlende Unterstützung und teilweise abstruse Angebote, wie eine Paartherapie für Täter und Opfer häuslicher Gewalt, lassen die LeserInnen erstaunt zurück.
In der Kernfrage geht es um Macht, die Macht der Männer bei der sie glauben über Frauen zu verfügen. Es geht also auch um Gleichberechtigung, Respekt und ebenso um eine Chancengerechtigkeit. Frauen sind noch immer öfters in finanziellen Abhängigkeitsverhältnissen.

Obwohl es ein ziemlich umfangreiches Werk ist, das Cover nicht sehr ansprechend gestaltet wurde, kann man nach Beginn der Lektüre kaum aufhören. Zu sehr kommt man zwischen den eigenen Erlebnissen der Autorin und den zahlreichen Fakten gerade mal dazu, dass man im Internet weiter recherchiert und sich Studien zu dem Thema näher ansieht.
Das Buch ist eine Leseempfehlung nicht nur für Betroffene von häuslicher Gewalt und deren Angehörigen, sondern jedenfalls für alle Berufsgruppen, die professionell mit dem Thema befasst sind: RichterInnen, StaatsanwältInnen, OpfervertreterInnen und SozialarbeiterInnen.

Antje Joel, geboren 1966, arbeitet seit 1994 als freie Journalistin und Autorin. Ihre Texte erschienen unter anderem in der Süddeutschen Zeitung, der Brigitte, im Tagesspiegel und im Spiegel. Sie erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter der Axel-Springer-Preis und der Egon-Erwin-Kisch-Preis

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