Ein Blick über den großen Teich Amerikanische und Kanadische Gefängniszeitungen

Die erste amerikanische Gefängniszeitung erschien bereits im 19. Jahrhundert. Was hat sich seitdem getan?

Redaktionssitzung bei der San Quentin News im Media Center an der Wallstreet

Das San Quentin Gefängnis ist das älteste Gefängnis in Kalifornien. Die Gefängniszeitung dieses Gefängnisses, die San Quentin News, ist eine der wichtigen Publikationen für und von Häftlingen im Staat Kalifornien. Sie beschäftigt zwischen 12-15 Häftlinge und wird von sieben professionellen BeraterInnen und einer Handvoll Freiwilligen bei der Produktion unterstützt. Die monatliche Ausgabe wird an geschätzte 4.000 Häftlinge in San Quentin sowie an das Gefängnispersonal, an Freiwillige und BesucherInnen verteilt.

Die San Quentin News wird aber nicht nur von Häftlingen in San Quentin gelesen, weitere 18.000 Ausgaben werden an 35 Gefängnisse in ganz Kalifornien geliefert. Diese Reichweite verdankt die Zeitung vor allem beträchtlicher Spenden der Columbia Foundation im Jahr 2013, die es ermöglicht haben, die Gefängniszeitung so vielen Menschen näher zu bringen.

Eine weitere amerikanische Gefängniszeitung ist die Prison Legal News (PLN). Sie wird in Lake Worth, Florida, produziert und erscheint seit Mai 1990 regelmäßig. Die PLN ist ein Projekt des Human Rights Defense Centers und ist ein monatlich erscheinendes 72-seitiges Magazin. Hauptverantwortlicher ist Paul Wright, sein Redaktionsteam besteht ebenfalls aus InsassInnen bzw. ehemaligen Häftlingen.

Beispiel für eine amerikanische Gefängniszeitung: Deckblatt der aktuellen Ausgabe der Prison Legal News

Abonniert wird die Zeitung sowohl von InsassInnen sowie auch von Personen außerhalb der Gefängnismauern. Zwischen 65 und 70 Prozent der AbonnentInnen sind Häftlinge, der Rest besteht aus AnwältInnen, JournalistInnen, AkademikerInnen, Bibliotheken und AktivistInnen, die sich für Menschen hinter Gittern einsetzen.

Im nördlichen Nachbarland der USA wurde vor 25 Jahren das Journal of Prisoners on Prisons (JPP) mit Sitz in Ottawa, Kanada gegründet. Diese Publikation ist eine gemeinnützige Zeitung mit einer akademischen Ausrichtung, geschrieben von Häftlingen. Die Mission des JPP ist es, den InsassInnen eine Plattform zu geben, die es ihnen ermöglicht über ihre Erlebnisse zu sprechen und zu schreiben.

Laut der JPP Website geht es den Herausgebern darum, einen Diskurs zu schaffen, in dem sich die Administration der Gefängnisse und die InsassInnen austauschen können. Ziel ist es auch, der Öffentlichkeit die Realität in Gefängnissen näher zu bringen.

Gefängniszeitungen als wichtigste Informationsquelle

Wie wichtig diese Zeitungen für Häftlinge sind, bekräftigt Kevin D. Sawyer, einer der Mitherausgeber der San Quentin News, im Interview. Er unterstreicht, dass die Relevanz einer Gefängniszeitung vor allem darin liegt, dass diese Art von Publikation den InsassInnen eine Stimme gibt und ihnen Informationen zur Verfügung stellt, die sie ansonsten im Gefängnis nicht bekämen. Er kritisiert auch die Mainstream-Medien, weil diese bei der Berichterstattung über Verbrechen oft emotionalisiert und überspitzt berichten, um damit den Verkauf anzukurbeln.

RedakteurInnen in Gefängnissen hingegen vermeiden diese Art der Berichterstattung. „Wir verstehen die Dynamik und die Struktur der Gefängniskultur besser als jeder Journalist, der noch nie Zeit in einem Gefängnis abgesessen hat“. Sawyer unterstreicht auch, dass JournalistInnen, die außerhalb eines Gefängnisses agieren, von den Presseaussendungen der Gefängnisadministration abhängig sind, Inhaftierte aber die Möglichkeit haben, über Ereignisse zu schreiben, während sie passieren.

Auch Paul Wright stimmt dem zu. Er erklärt, dass es „mit 2,5 Millionen Häftlingen alleine in den USA sehr viele Nachrichten gibt, über die ohne eine Gefängniszeitung andere Medien nicht berichten würden“.

Der Fokus der San Quentin News liegt auf Informationen, die InsassInnen helfen sollen, ihr Leben in die richtigen Bahnen zu lenken. Die drei Hauptthemen sind Haft, Rehabilitation und der Wiedereintritt in die Gesellschaft. Um dieses Ziel zu erreichen, berichtet die San Quentin News über Programme und andere Möglichkeiten für Häftlinge, an sich selbst zu arbeiten und sich somit wieder leichter in die Gesellschaft zu integrieren.

Das derzeitige Insassen-Redaktionsteam der San Quentin News.

Auch die Reduktion der Rückfallquote sowie die Erhöhung der öffentlichen Sicherheit zählen zu den Schwerpunkten der San Quentin News. Die Prison Legal News verfolgt einen ähnlichen Ansatz. Die RedakteurInnen beschäftigen sich mit allen Themen rund um Haftanstalten, den Haftbedingungen, Verbrechen und Gesetzen.

Auch die Gesundheit in Gefängnissen und die Behandlung von psychischen Krankheiten werden in der PLN thematisiert. Vor allem der Umgang mit psychisch kranken Menschen in amerikanischen Gefängnissen wird von Wright stark kritisiert. „Inhaftierte, die an einer psychischen Krankheit leiden, werden entweder ignoriert und bekommen keine Betreuung, oder sie erhalten unangemessene und manchmal auch grausame Behandlungen, die ihre Krankheit noch verschlimmern.“ Über diese Missstände in amerikanischen Gefängnissen berichtet die PLN regelmäßig.

Gefängniszeitungen und das Problem mit der Zensur

Einer der Mitherausgeber der San Quentin News: Kevin D. Sawyer

Wenn über heikle Themen wie Gewalt in Gefängnissen, die Behandlung von psychisch kranken Menschen und die Haftbedingungen berichtet wird, kommt auch regelmäßig das Thema Zensur von Gefängniszeitungen ins Spiel. Kevin D. Sawyer erklärt, dass laut seiner Erfahrung, Zensur von Gefängniszeitungen nur dann notwendig ist, wenn die Sicherheit von InsassInnen, Personal, Freiwilligen und BesucherInnen in Gefahr wäre.

„Unverantwortlicher Journalismus kann weitreichende und tödliche Konsequenzen haben. Wir würden zum Bespiel nie über einen Aufstand zwischen zwei rivalisierenden Gangs berichten. Wir drucken 30.000 Zeitungen, die an 35 Gefängnisse in Kalifornien verteilt werden und möchten nicht, dass andere Häftlinge durch solche Berichte angestachelt werden. Auch wenn es möglichweise merkwürdig klingt, aber Selbstzensur ist bei gewissen Themen dann notwendig, wenn die Sicherheit von Häftlingen gefährdet ist.“

Paul Wright lehnt jegliche Zensur der Prison Legal News ab. „Wir haben immer über die Nachrichten berichtet, die relevant sind und die Fakten, die notwendig sind, um zu verstehen, was gerade passiert“. Artikel im Journal of Prisoners on Prisons durchlaufen verschiedene Kontrollstufen, bevor sie erscheinen.

Zuerst wird das Manuskript erstmalig durchgelesen, um festzustellen ob der Artikel für die Gefängniszeitung geeignet ist. Wenn dies der Fall ist, wird der/die AutorIn informiert und der Artikel wird von mehreren RedakteurInnen gelesen und editiert. [Die Redaktion legt einen starken Wert auf die Unabhängigkeit des JPP und ermöglicht es so den inhaftierten RedakteurInnen, ohne Angst vor Zensur Artikel zu verfassen.

Gemäß seiner Website zeigt das JPP, dass sich „die Berichte und Repräsentationen der Erfahrungen im Gefängnis und der Gefängniskultur signifikant von den Berichten unterscheiden, die man in den meisten akademischen Arbeiten, staatlichen Berichten, wissenschaftlichen Dokumenten, den Massenmedien und dem dazugehörigen öffentlichen Diskurs findet.“

Resozialisierung in Gefängnissen

Neben der Gefängniszeitung als Informationsquelle ist für die Herausgeber dieser drei Gefängniszeitungen die Resozialisierung der Häftlinge ein wichtiges Ziel. Sawyer betont, dass das San Quentin Staatsgefängnis eines der Vorbildgefängnisse sei, wenn es um die Resozialisierung von Häftlingen geht.

Es gibt mehr als 80 Selbsthilfeprogramme, weiters kann man einen College Abschluss oder eine Berufsausbildung nachholen. Es gibt auch Programme, die auf den Wiedereintritt in die Gesellschaft vorbereiten. Ganz anderer Meinung ist Paul Wright, Redakteur bei Prison Legal News und Direktor des Human Rights Defense Center in Florida.

Er kritisiert, dass generell alles versucht wird, um es amerikanischen Insassen unmöglich zu machen, sich nach der Entlassung wieder erfolgreich in die Gesellschaft zu integrieren.

„Es fängt bereits mit der Inhaftierung an, dann werden sie in Gefängnisse weit weg von zu Hause gebracht und haben drakonische und limitierte Besuchszeiten. Die abgelegenen Gefängnisse, gepaart mit sehr teuren Anrufen aus dem Gefängnis, tragen dazu bei, dass die Rückfallrate sehr hoch ist.“

Statistiken der Behörden in Florida zeigen, dass durchschnittlich 25 % der Ex-Inhaftierten innerhalb von drei Jahren rückfällig werden. Probleme wie diese machen deutlich, wie wichtig Gefängniszeitungen sind, die aktuelle Missstände in Gefängnissen anprangern. Bereits vor knapp 130 Jahren erkannte man die Notwendigkeit von Publikationen über das Gefängnisleben, was schlussendlich zur Gründung der ersten amerikanischen Gefängniszeitung führte.

Jesse James und die Entstehung der ersten amerikanischen Gefängniszeitung

Geschichtlich betrachtet, sind Gefängniszeitungen bereits seit dem 19. Jahrhundert in den USA von Relevanz. Die Anzahl dieser Zeitungen schwankte regelmäßig. Wie The National berichtet, gab es im Jahr 1959 in den Staaten 250 Gefängniszeitungen, während es heute nur noch rund ein Dutzend sind.

Dass nach einem missglückten Raubüberfall der berüchtigten James-Young Gang im Jahr 1876 die allererste und bis heute am längsten erschienen Gefängniszeitung in den USA, der Prison Mirror, entstehen würde, hätte wohl kaum jemand geahnt. Während Jesse James und sein Bruder nach dem gescheiterten Überfall fliehen konnten, wurden die drei Young Brüder verhaftet und verurteilt.

Wie mentalfloss.com berichtet, gründeten die Brüder zusammen mit einem Mithäftling nach ca. zehn Jahren im Gefängnis und vielen Monaten, in denen sie die Gefängniswächter überzeugen mussten, 1887 die erste amerikanische Gefängniszeitung, den Prison Mirror. Welche ursprüngliche Motivation hinter der Gründung stand ist bis heute nicht klar. Vermutet wird, dass die Gründung von der damals stattfindenden Bewegung zur Reformation der Gefängnisse inspiriert wurde.

Fazit und Ausblick

Neben der San Quentin News, der Prison Legal News und des Journals of Prisoners on Prisons ist der Prison Mirror auch heute, über 130 Jahre nach der Gründung, immer noch ein wichtiger Pfeiler des Lebens im Gefängnis.

Alle diese Publikationen setzen sich zum Ziel, InsassInnen eine Stimme zu geben, sie mit wertvollen Informationen zu versorgen und der Öffentlichkeit einen realistischen Einblick in das Leben hinter Gittern zu geben.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.