NACHTRAG VOM 16.04.2021

Sämtliche Accounts von Dr. Knast in den sozialen Medien (Instagram, TikTok und Twitter) wurden deaktiviert, ebenso wie die Homepage und Beiträge auf YouTube.

Wie an Blickpunkte herangetragen wurde, wird Dr. Knast vorgeworfen, er habe Spenden, die seine Follower an ein paypal-Konto überwiesen haben, missbräuchlich verwendet. Das Interview, das Blickpunkte mit Dr. Knast im Februar 2021 geführt hat, sowie der Artikel vom 9. März 2021 können weiterhin hier nachgelesen werden; Neuigkeiten in dieser Angelegenheit werden hier veröffentlicht.

„Dr. Knast“ ist Gefangener eines Hochsicherheitsgefängnisses in Nordrhein-Westfalen, Deutschland. Dort betreibt er aus seiner Zelle heraus einen erfolgreichen Instagram-Account und berichtet über den Alltag im Gefängnis im Konkreten sowie den Strafvollzug im Allgemeinen. Dadurch schafft er Einblicke in Bereiche, die ansonsten im Dunkeln verbleiben.

Aus dem Knast ist der Name des Instagram-Accounts von „Dr. Knast“, den derzeit 22.500 Menschen abonniert haben. Dr. Knast ist – nach eigenen Angaben – zwischen 30 und 35 Jahre alt und wurde wegen Steuerhinterziehung und Urkundenfälschung zu einer Haftstrafe von 6,5 Jahren verurteilt, Seit bereits über vier Jahren befindet er sich in Haft, seit April letzten Jahres stellt er seine Beiträge online. In der Beschreibung des Accounts ist, gerichtet an die Justizvollzugsbeamten (das deutsche Pendant zur österreichischen Justizwache), zu lesen: „Mich und mein Handy findet ihr nie.“

Dr. Knast

Störsender und Funkdetektoren weiß er zu umgehen, „sonst hätte ich ein riesen Problem“, wie er sagt. „Da brauche ich nur das Handy einzuschalten, schon würde es vorne beim Raum des Beamten rot leuchten – und das wär‘ es dann auch.“ Die Nutzung eines Handys in der Zelle ist zwar strafrechtlich nicht verboten, jedoch verstößt Dr. Knast damit gegen die Hausordnung und hätte für den Fall der Entdeckung mit unangenehmen Konsequenzen zu rechnen. Um nicht erwischt zu werden, ist Dr. Knast vorsichtig: Er zeigt nie sein Gesicht oder seine Zelle und verrät natürlich nicht seinen genauen Standort. „Man muss immer extrem aufpassen, wem man Infos zukommen lässt. Dann ist man auch auf der sicheren Seite.“

Dr. Knast ist mit seinem Account auch auf TikTok und Twitter tätig und postet regelmäßig über den Gefängnisalltag, beantwortet Fragen der Abonnent*innen, re-postet und kommentiert Videos und Beiträge zu Polizeigewalt, Medienbeiträge über den Strafvollzug und Beiträge anderer Justizvollzugsanstalten (JVA – das deutsche Pendant zur österreichischen Justizanstalt, JA). Er führte Livestream-Interviews auf Instagram mit Niema Movassat, Mitglied des deutschen Bundestages der Partei „Die Linke“, und Thomas Galli, Rechtsanwalt und Buchautor. Dabei tritt Dr. Knast immer in direkten Kontakt zu seinen Abonnent*innen, ermutigt sie, Fragen zu stellen und Feedback zu geben.

Einer der ersten Beiträge auf der Instagram-Seite „aus.dem.knast“

Dr. Knast thematisiert auf seinem Account sämtliche Bereiche des Strafvollzugs: mehrere Beiträge enthalten Fotos verschiedener Mahlzeiten (teilweise flankiert von der – nur schwer zu beantwortenden – Frage: „Was ist das?“), aber genauso schreibt er über den „Bunker“, wo Gefangene abgesondert werden; die hohen Preise für Telefonanrufe aus dem Gefängnis, die durch Telekom und Telio abgewickelt werden; die Arbeitsbedingungen im Gefängnis, den geringen Stundenlohn für die dortige Arbeit und die Kosten, die vom eigenen Lohn durch die JVA abgezogen werden; oder die Lebensbedingungen in Haft unter Covid-19. Dr. Knast thematisiert Inhalte des Strafvollzugs, die für gewöhnlich nicht in der Öffentlichkeit diskutiert werden. Einer seiner Beiträge veranschaulicht das, indem er die Vor- und Nachteile der Inhaftierten beleuchtet, wenn die Öffentlichkeit ein Gefängnis betritt: „Wenn du zur Party einlädst, dann wird vorher geputzt, gut aufgetischt und geplant, wie das Programm läuft.“ Dr. Knast liefert zu dem Bild, das der Öffentlichkeit präsentiert werden soll, weitere Informationen: Fernseher in der Zelle gebe es, aber für diese müsse man monatlich zahlen; Sport und andere Veranstaltungen seien nur selten, da es nicht ausreichend Personal gäbe; das Essen sei weitaus besser; Mitgefangene, die befragt werden, seien handverlesen und systemtreu, sie erhielten eine extra Dusche, neue Haftkleidung, einen Haarschnitt und einen positiven Eintrag in ihre Akte. Während die Besucher*innen durch die persönlichen Zellen der Inhaftierten gehen, in denen sich deren Leben abspielt, seien diese nicht anwesend: „Warum fragt keiner der Besucher, wohin wir gebracht wurden während des Zellendurchgangs? Tatsächlich sind wir sehr eng im Gemeinschaftstraum und warten auf das Ende des Seelenstriptease.“

Zwei Mal musste der geplante Interviewtermin mit Dr. Knast wegen Unsicherheiten verschoben werden, doch schließlich konnte Blickpunkte mit ihm telefonieren:

Der Account „aus dem Knast“ auf Instagram hat über 22.500 Abonnent*innen

Du hast einen Instagram-Account mit über 22.000 Followern, bist auf TikTok und mittlerweile auch auf Twitter und sendest direkt aus dem Gefängnis: Was ist deine Zielgruppe?

Ich versuche, das Thema zu promoten, nicht mich selbst. Was bringen mir 22.500 Menschen, die das Thema nicht annehmen oder bei denen es bei einem Ohr rein und beim anderen raus geht. Lieber ist mir ein Account mit zwei Menschen, die ich zu 100 Prozent treffe. Ich sehe da nicht die Quantität, sondern die Qualität. Bei manchen Accounts wird man einfach nur überflutet. Ich nutze Instagram halt anders als andere Menschen. Ganz am Anfang habe ich mich gefragt: „Wen willst du erreichen?“ Da wollte ich eigentlich nur die Justiz ärgern. Gerade diese Justizvollzugsbeamten, die ich gerne „Schließer“ nenne, weil ich weiß, dass sie das ärgert, die wollte ich da ärgern und nerven. Irgendwann habe ich dann gemerkt: Die kannst du gar nicht ärgern. Die klatschen Beifall, schreiben mir, dass sie es gut finden, dass mal jemand zeigt, wie es wirklich aussieht. Klar kriege ich auch nebenbei Nachrichten mit Drohungen und Beleidigungen, aber da stehe ich drüber. Irgendwann hat sich die Zielgruppe soweit verändert, dass es dann Außenstehende sind, die Angehörige haben. Und aktuell ist die größte Zielgruppe – die ich ja gar nicht ansprechen wollte – die der Interessierten, die dann sagen: „Hey, das ist ein Mysterium, ich kenne das nur vom Fernsehen. Wow, so sieht das also aus!“

Also die Allgemeinbevölkerung bzw. Zivilbevölkerung?

Genau. Angefangen hat das damit, dass ich nur die „Schließer“ damit ärgern wollte, dass es jemanden gibt, der nicht so ganz doof ist und das System versteht. Ich wollte aufzeigen, in welche Richtung das System geht. Dass da jemand ist, der mit dem Finger in der Wunde rumpult. Und es hat sich mit der Zeit einfach entwickelt. Instagram ist ein dynamischer Account. Du kannst schlecht sagen: „Heute biete ich nur Ware A an“, weil irgendwann wirst du gefordert, mehr zu zeigen, und dann bietest du halt schon die zweite Ware an. Meine Ware, das sind Informationen aus dem Inneren. Ich gehe mittlerweile mehr auf die Bedürfnisse der Follower ein und frage: „Was wollt ihr denn wissen?“ Ich bekomme auch viele Fragen, die ich nicht in der [privaten, Anm.] Message, sondern in der Story [für alle Follower einsehbar, Anm.] beantworte, weil ich diese Frage zehnmal gestellt bekomme. Und das heißt ja nicht, dass das alle sind. Vielleicht haben sich ja einige auch nicht getraut. Ich habe früher, vor der Haft, Instagram auch privat genutzt, und wenn ich einen großen Account mit 40.000 oder 50.000 Followern gesehen habe, dann wusste ich ganz genau: „Brauchst keine Nachricht schreiben, kriegst eh keine Antwort.“ Das ist ja in vielen Köpfen, dass sie sich denken: „Dem brauche ich nicht zu schreiben, der antwortet dann ja eh nicht“. Und dann nehme ich diese Frage auf und beantworte sie. Aktuell wandelt es sich aber, denn meine Zielgruppe wandelt sich ständig.

Bild einer Einmannzelle.

Du schaffst damit auch eine gewisse Bandbreite für den Strafvollzug im Allgemeinen. Und eine Form der Transparenz, indem du zeigst, wie es in einem Gefängnis wirklich abgeht. Das ist aus der Außensicht doch eine ziemliche „Black Box“.

Es ist gewollt eine Black Box. Gewollt von der Justiz und von den Medien. Ich sehe immer wieder diese JVA-Dokus an. (lacht) Du musst dir vorstellen, ich sitze dann auf meinem Bettchen und schaue auf N24 oder NTV diese Dokus – wenn man das fotografieren würde, dass ein Gefangener sich andere Gefangene anguckt! –, und ich denke mir jedes Mal: „Also, wieso habt ihr den da jetzt ausgesucht?“ Selbstverständlich gibt es solche Typen im Gefängnis, das will ich nicht leugnen. Aber es gibt auch sehr viele gebildete Leute; es ist nicht immer der Blödmann, der Hartz 4 erhält und Schwarzfahrer ist. Es gibt auch viele Anwälte, Ärzte, Piloten – ich weiß, über Berufe kann man eigentlich keine Intelligenz definieren, aber es ist nun mal in den Köpfen der Menschen, dass mit einem Beruf auch eine gewisse Intelligenz bescheinigt wird. In den Medien wird ein falsches Bild abgegeben, das ärgert mich dann immer. Es gibt Accounts von anderen JVAs, die schöne Hochglanzbilder vom Essen hochladen. Ich denke mir dann: „Nein, das stimmt nicht. So sieht das aus!“ Und das ist dann natürlich ein Stein im Schuh. Und ganz bewusst bin ich der Stein im Schuh.

Hat sich deine Motivation für Postings im Laufe der Zeit geändert?

Jein. Ich schweife ab und zu ab, weil ich etwas Lustiges sehe. Ich bin ja auch nur ein Mensch – mal bin ich depressiv, mal bin ich lustig bis zum Umfallen, mal bin ich einfach nur faul (lacht), mal ultra aktiv – und so nutze ich auch Instagram. Das ist ja auch das Authentische daran. Es ist nicht so, dass ich sage: „Jetzt schreibe ich nur noch über das Essen, das wir bekommen, und vergesse alles andere.“ Ich habe kein definiertes Ziel mehr, ich will einfach nur aufweisen, wo Fehler sind.

Könnte man sagen, du versuchst ein Gegenbild des Strafvollzugs zu zeichnen?

Ja, selbstverständlich. Ich bin die andere Seite der Medaille. Bis dato gab es nur eine Seite, ich bin die zweite Seite. Und der Mensch, der sich das anschaut, kann sich seine Münze dann von beiden Seiten betrachten und überlegen: „Hat er Recht? Wieso ist das denn so?“ Weil selbst im tiefsten Disput – ich nenne das mal Disput, den ich mit meinem Account führe – gibt es immer Dinge, die trotzdem richtig sind. Klar haben die in der JVA in gewisser Weise auch Recht: Sie haben ein Imageproblem, sie haben ein riesiges Problem, Justizvollzugsbeamte zu finden. Nur sollten sie es dann auch offen darstellen, wie der Job aussieht: Das ist nicht die heile Welt, und es sind auch nicht die tollsten Menschen, die mit uns umgehen. Tatsächlich ist es so, dass wir allein in der Zelle sitzen, und wenn die Tür aufgeht, dann ist der Beamte da teilweise auch mit 50 Gefangenen allein und hat den Zeitdruck, hat Zeitfenster einzuhalten, Anträge auszufüllen. Manchmal habe ich auch tatsächlich Mitleid mit denen, weil ich weiß, dass Personalmangel etc. an der Tagesordnung steht und sie den Job tatsächlich ja nur machen, weil er gesichert ist und nicht aus Passion. Es ist ein Rattenrat: Du bist Schließer, weil der Job gesichert ist bis zum Umfallen. Du bist verbeamtet und musst dir um nichts Sorgen machen. Aber nichtsdestotrotz: Der Job ist nicht das, was du erwartet hast.

Blick aus einem Zellenfenster

Du sagst, du erhältst auch Drohungen. Was für Rückmeldungen bekommst du denn?

Ich bekomme Infos von Schließern, die mich warnen, wann wo Kontrollen mit Hunden anstehen, wo ich gerade gesucht werde – es gibt also Informanten, die das Ganze unterstützen. Es gibt diejenigen, die das einfach nur feiern, weil sie sagen: „Du zeigst endlich mal das andere Bild. Das ist wirklich so, dass meine Kollegen scheiße zu mir sind, mich sexuell erniedrigen, mit den Gefangenen wirklich nicht gut umgehen.“ Und dann gibt es die, die sagen: „Du bist ein scheiß Gefangener, halt die Fresse! Du hast eine Straftat begangen. Stell dich mal nicht so an, in anderen Ländern wäre das schlimmer!“, etc. Es geht dann auch wirklich heiß her mit richtigen Beleidigungen. Ich höre mir auch beides an. Ich höre mir die Beleidigungen an, aber steige nicht darauf ein und beleidige zurück. Falls du meinem Account folgst, dann weißt du auch, dass ich eine gewisse Contenance bewahre. Klar habe ich die Faust in meiner Tasche. Manchmal gehe ich darauf ein, manchmal blockiere ich die Leute, weil ich mir denke: „Der wird das nie verstehen und auch nie mit dir ein Gespräch eingehen“. Andererseits gibt es aber auch „Schließer“, die mir so viele Informationen zukommen lassen, dass ich denke, dass das aber auch jemand sein könnte, der gerade fantasiert. Einer, der nur so tut, als ob er ein Justizvollzugsbeamter wäre und versucht, bei mir Sympathie zu erwecken, so dass ich sage: „Ok, du bist ein toller Typ. Danke, ich vertrau dir, hier ist mein Name und hier meine Zellennummer – schreib mir einen Brief!“ (lacht)

Gemeinschaftszelle für zwei Personen

Du sagst, du sitzt seit nunmehr vier Jahren im Gefängnis und hast dementsprechend einige Erfahrung gesammelt. Wenn du könntest (weil du z. B. Justizminister wärst): Was wäre das Erste, das du am Gefängnis ändern würdest?

(Lacht) Die Frage kriege ich so oft gestellt. Ich frage dich mal was anderes: Stell dir vor, du wärst ein Vergewaltigungsopfer. Jetzt würde ein Mensch von der Presse zu dir kommen und fragen: „Was hättest du als Opfer ändern können, damit du nicht vergewaltigt wirst?“ Die Frage stellst du mir ja praktisch: „Was könntest du als Gefangener ändern, damit es dir nicht so schlecht geht?“ Die Frage müsste eigentlich den Justizvollzugsbeamten und dem Ministerium gestellt werden, und zwar nicht nur die Frage, sondern tatsächlich auch Belege, dass es unsinnig ist, wie sie mit uns umgehen. Das fängt ja nicht erst bei der Haftstrafe an. Ich hatte einen sehr schönen Livestream mit Thomas Galli, bei dem ich dachte, das ist eine coole Idee: Im Gericht stehe ich einer Richterin oder einem Richter gegenüber, der urteilt innerhalb von ein, zwei Stunden über mich, nach Aktenlage – je nachdem. Da ist ja keine Gesellschaftsschicht, die dabei ist, die sagt: „Ich kann das nachvollziehen, der Junge kommt aus der und der Situation.“ Und auch ich oder das Opfer – wenn das gewollt ist – kann ja gar nicht an der Straffindung teilhaben. Also das Prinzip an sich – dass ich ins Gefängnis geschoben werde, um mir Zeit zu stehlen, denn das ist es tatsächlich: Zeit stehlen, nichts anderes. Ich sitze hier und habe meine Ressourcen, aber die darf ich nicht nutzen. Das ist es, bei dem ich denke, dass man es ändern könnte. Ich zum Beispiel habe ja was gelernt; ich habe tatsächlich studiert. Ich habe das hier so oft angeboten, aber es wird immer niedergeschmettert: „Ne, brauchen wir nicht.“ Dabei wird das dringend benötigt; es würde der Gesellschaft helfen. Aber solche Ressourcen werden gar nicht genutzt. Das heißt, ich verkümmere mit meinen Ressourcen. Allein das würde mir weiterhelfen, wenn ich an meinen Fähigkeiten arbeiten könnte. Wie sagt man so schön: „Use it or lose it!“ Ich verliere ja irgendwann diese Fähigkeit, wenn ich sie nicht nutze. Im großen Ganzen: Strafvollzug modernisieren, Familien mehr integrieren, mehr Besuche, mehr Kommunikation, mehr Schließer, mehr Sozialarbeiter*innen, mehr Umgang miteinander – also nicht nur, dass ich jetzt 23 Stunden in meiner Zelle sitze, für eine Stunde kurz raus darf auf den großen Mob, sondern dass ich auch tatsächlich interagiere mit der Gesellschaft. Hätte ich kein Handy, würde ich sehr viel nicht mitbekommen.

Zweimann-Gemeinschaftszelle

Das heißt, weniger eine Modernisierung als eine Abschaffung vom derzeitigen System hin zu einem neuen System, in dem von der Verurteilung bis zur Strafe alles neu überdacht wird?

Es müsste vieles neu überdacht werden. Du musst dir vorstellen: Du wirst aus dem Leben gerissen. Ich sage immer wieder: Ich habe eine Straftat begangen, okay, schön und gut. Ich habe meine Strafe vom Gericht erhalten, und ich sitze jetzt einfach nur meine Zeit ab. Es ist einfach nur ein Zeitabsitzen, so fühlt es sich auch an. Es gibt nichts Produktives, das ich machen kann oder darf. Das Höchste der Gefühle ist es, wenn ich für irgendwelche großen Betriebe arbeite, wo ich dann ausgebeutet werde. Das ist ein ganz anderes Thema, dieser Wirtschaftssektor, aber das ganze System an sich muss überdacht werden. Ich werde komplett isoliert. Hätte ich kein Handy, würde ich mit meiner Familie 60 Minuten telefonieren dürfen. Rechne doch mal 60 Minuten durch 30 Tage im Monat! Das sind zwei Minuten pro Tag, die ich telefonieren darf. So, jetzt habe ich aber eine etwas größere Familie, ich möchte mal mit meiner Mutter, mal mit meinem Vater, vielleicht auch mal mit meiner Schwester oder meinem Bruder reden – das ist ja alles nicht möglich. Ich werde hier nicht resozialisiert, wie es immer gesagt wird, sondern ich werde sozialisiert in dem Gefängnis. Ich bin hier in einem künstlichen Behälter, und wie willst du in einem künstlichen Behälter resozialisiert werden? In dem künstlichen Behälter, in dem wir sitzen, wirst du ja praktisch nur sozialisiert. Ich hatte früher zum Beispiel noch nie Kontakt mit Drogen gehabt. Ich kenne jetzt alle Drogen. Ich habe sie nicht genutzt, aber ich kann dir sagen, was das ist, wie teuer es ist. Warum? Weil ich es hier ständig höre. Das ist eine Sozialisierung. Ich kann dir jetzt sagen, wie ein Automat geknackt wird. Ich saß letztens mit jemandem hier, der hat Automaten gesprengt, so Geldautomaten. Und da habe ich ihn gefragt: „Sag mal, wie macht man das?“, und dann hat er es mir erzählt. Da wird man ja eher kriminell, als dass man sagt, ich bin rausgekommen aus dem Gefängnis, habe mich mit mir selbst beschäftigt und möchte jetzt gerne da anschließen, wo man mich haben möchte.

Weißt du denn schon, was du nach der Haft machen willst?

(Lacht) Ja, ich habe mehrere Pläne.

Willst du in diesem Bereich bleiben?

Ja, definitiv. Ich möchte Hilfe für Angehörige anbieten oder Hilfe für Gefangene oder Betroffene, die ins Gefängnis gehen werden. Ich möchte quasi als „Wingman“ beistehen und helfen. Ich kenne die ganzen Anträge, weiß, worauf man achten muss, kann Angehörige vermitteln an vernünftige Psychologen, also nicht diese „Berater“, die einem das Geld aus der Tasche saugen, sondern jemanden, der dich auffängt und dir die Situation erklärt. Da habe ich nämlich großes Glück, dass ich in Kontakt mit einer Psychologin bin, zu der ich, wenn es mir schlecht geht, sagen kann: „Du musst mir erklären, wieso ich jetzt so ticke!“ Es bringt mir nichts, wenn mir jemand digital die Hand auf die Schulter legt und sagt: „Es wird alles morgen besser!“; ich will die Situation verstehen. Wenn ich sie verstehe, dann kann ich besser damit klarkommen. Und das fehlt einem. Da gibt es eine ganze Menge. Ob ich mein Gesicht zeigen werde, weiß ich noch nicht. Ich sage immer: „Ich weiß es noch nicht, weil ich verdammt hässlich bin, weshalb ich es verstecke.“ (lacht)
Was ich oft höre, ist, dass Gefangene, die ja sehr lange allein waren, auch gewisse Ängste mitbringen, oft diese Flashbacks haben: „Oh nein, ich bin hier falsch, ich muss zurück!“ Das habe ich nämlich auch schon gehabt. Ich war ja im offenen Vollzug, da hatte ich Ausgänge. Es ist echt schlimm, wenn man mal draußen die Augen zumacht und dann für einen kurzen Moment einschläft … dann springt man auf und denkt: „Ich bin auf der Flucht!“ Dabei hat man eigentlich noch zwei Stunden. Ich bin gespannt, in welche Richtung das dann geht, psychologisch.

Davon hört man ja unter dem Begriff „posttraumatische Belastungsstörungen“ …

Eben. Allein sein. Oft ist es ja dann auch so, dass die Partner*innen nicht mehr zusammen schlafen, man möchte gerne allein schlafen, auf dem Sofa. Nähe kann man nicht mehr zulassen. Das sind alles Sachen, mit denen ich mich jetzt beschäftigt habe, damit ich, wenn es soweit ist, vorbereitet bin. Aber das ist eine Sache, die fehlt im Gefängnis. Darauf bereitet dich keiner vor! Du kommst ins Gefängnis rein, es heißt immer: „Der Anstaltsleiter spricht dann mit Ihnen“. Ja, das stimmt. Das sind zwei Minuten, in denen man kurz die Daten abgleicht und wo es heißt: „Wenn Sie ein Problem haben, dann können Sie mich ansprechen.“ Aber im großen Ganzen bekommt man keinen Stundenplan, man weiß nicht: Wo melde ich mich an für Sport, wann ist das Essen, wann die Postausgabe, wann kriegen wir überhaupt Post? Wann bringe ich den Müll raus, wann darf ich die Unterhosen wechseln, wann gebe ich sie raus zum Waschen? – Das weiß man alles gar nicht. Das erfährt man peu à peu. Und dann wird man von den Mitgefangenen auch noch verarscht. Ich habe mal tatsächlich einen Antrag auf eine Kakaomarke gemacht. Ich dachte, es gibt sonntags Kakao, darüber würde ich mich freuen, also habe ich einen Antrag gestellt. Dann kriegt man Ärger: „Wer hat Ihnen das denn gesagt, dass es einen Antrag dafür gibt?“ (lacht) Die haben dann ihren Spaß. Und das geht ja immer so weiter, und darauf bin ich nun vorbereitet und möchte dieses Wissen weitergeben.

Ich wünsche dir alles Gute und bedanke mich für das Interview!

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