Anmerkung der Redaktion: Zum Bericht von Justina Kaiser „Der Fall George Floyd und das Problem des Racial Profilings“ in Ausgabe 7/8 2020 der Blickpunkte erreichte uns nachfolgender Brief aus einer Anstalt des Maßnahmenvollzugs. Der Inhalt des Schreibens gibt nicht die Meinung der Redaktion wieder und wird unkommentiert veröffentlicht.

Liebe Leser*innen in Freiheit!
In Gedenken an Georg Floyd und viele andere Georg Floyds

In meinem Schreiben geht es nicht nur um Religion, sondern um jegliche Art von Nationalismus. Religion und die menschliche Hautfarbe sind nur das beste Beispiel dafür. Aufgrund meiner nationalen Hintergründe – mein Vater ist ein serbischer Bosnier (orthodox) und meine Mutter eine kroatische Bosnierin (katholisch) – musste ich als Kind sehr oft Mobbing und Schläge einstecken. In Wien aufzuwachsen, wo hunderttausend Farben aufeinandertreffen, machte die ganze Sache nicht viel einfacher. Mein Mutterland wurde fünf Jahre lang fast zur Hälfte abgeschlachtet, während die ganze Welt und Europa nur zugeschaut haben.

In meiner Jugend rutschte ich in eine serbische rechtsextreme Szene hinein, in der Muslimenhass und Verachtung der Roma wie das Amen im Gebet praktiziert wurden. Glücklicherweise traf ich auch auf Menschen, die hochgradig gebildet waren und mir Sympathie entgegenbrachten. Sie brachten mir bei, bestimmte Dinge aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten, und zum Beispiel Wesen in einer Beamtenuniform, die Frauen mit Kopftuch, herabwürdigen, nicht ernst zu nehmen.

Resozialisiert?

Ich frage mich, ob ich heute als resozialisiert gelte, nachdem ich mir unglücklicherweise als Jugendlicher in der Justizanstalt an einer Schiebetür am Klo den Finger abtrennte, mit dem die Beamten dann Fußball spielten und Tore durch einen Sessel schossen. Danach von besoffenen Beamten wie eine Tomate verdroschen zu werden, bezeichne ich noch heute als Dessert dazu.

Ich hoffe, ich habe das Wort „resozialisiert“ richtig geschrieben, denn ich weiß nicht, wie man das schreibt und was das überhaupt ist. Eins weiß ich aber mit Sicherheit, dass sogar der Psychiater in der Justizanstalt einen Psychiater braucht, so wie die meisten Beamten eine Alkoholtherapie und auch eine Entradikalisierungsgruppe, das sogenannte All-inklusive Paket.

Vielleicht würde dann die Entlassungsquote steigen und Häftlinge, die Haftstrafen von sechs Monaten bekamen, aber nach zwölf Jahren immer noch drinnen picken wie ein Kaugummi unterm Schreibtisch, weniger durchdrehen. Sogar ein Kaugummi unterm Schreibtisch verwest nach zwölf Jahren, geschweige denn menschliche Füße in der Justizanstalt Stein.

Ja, vielleicht würde dann unser liebes Österreich mehr Anerkennung von Straßburg und Co erhalten. Aber bis ein Herbert Kickl und Co das begreifen, werden sicherlich noch ein paar Jahrhunderte vergehen, bis Bruno Kreisky der Zweite auf einem weißen Pferd angeritten kommt. Natürlich nur, wenn sich bis dahin nicht die Apokalypse ereignet hat.

Nicht nur in Österreich

Ich möchte nicht, dass die Leser meines Briefes das Gefühl bekommen, dass das ein Hassposting gegen Österreich ist und deswegen nenne ich jetzt ein Gegenbeispiel. Wenn in einem Land wie Bosnien und Herzegowina Kriegsinvaliden, die ihrem Land gedient haben, heute Politikern für einen Wurstsemmellohn pro Stunde die Autos lackieren und nicht einmal ein Trinkgeld dafür erhalten, dann sollte man sich die Frage stellen, ob dieses Europa wirklich so modern ist, wie es kleinen Kindern vorgegaukelt wird.

Wir sind ja nicht in Bosnien, wo kleine Kinder auf Minenfeldern Fußball spielen und deswegen bleiben wir bei Österreich. Bei einer KURZen Rede des Großmuftis oder Papstes der ÖVP behauptete er, Österreich sei ein christlich ambitioniertes Land, das christliche Werte prägt. Ich als konvertierter Moslem mit christlichen Eltern würde so ein Österreich befürworten. Doch eine Frage bereitet mir enorme Kopfschmerzen: wie kann man jemanden für ein Verbrechen wegsperren, das er noch nicht begangen hat oder auch nicht begehen wird. Soweit mir bekannt ist, sind sowohl im Christentum als auch im Islam „aus dem Becher weissagen und Wolken deuten“ (Dtn 18,10) verboten. Bevor man wie die Pharisäer aus dem neuen Testament mit dem Finger auf jemanden zeigt, sollte man zuerst den Dreck unter seinen eigenen Fingernägeln beseitigen. Nach dieser KURZen Rede haben sich wahrscheinlich Nelson Mandela und Ghandi im Grab umgedreht und auf den Kopf gestellt. Wahrscheinlich fragen sie sich, wofür sie ihre Zeit vergeudet haben.

Dass im 20. Jahrhundert eine modernisierte Versklavung und ein staatlich organisierter Menschenhandel stattfindet, der sich Maßnahme nennt, hätte sicherlich nicht ihren Wunschvorstellungen entsprochen. Ein staatlich organisierter Sklavenhandel, der sich an der Freiheit der Menschen und den Steuern gesetzestreuer Bürger bereichert. Es ist ein Verbrechen, dass über Menschen forensisch-psychiatrische Gutachten erstellt werden, obwohl es in ganz Österreich keinen Lehrstuhl für forensische Psychiatrie gibt. Das ist schon an und für sich geisteskrank!

Ich möchte mich jetzt in der Fachsprache eines Jugendlichen ausdrücken: „Verfälschte Beweismittel, § 293 und die Freiheitsberaubung wurden zum Bombengeschäft der Regierung, das Geschäft boomt! Es gibt auch keine Plätze mehr im Maßnahmenvollzug, deswegen reservieren sie bitte auf www.Mittersteig-Guantanamo.at (Hotel gerade im Umbau).“

Wie bereits erwähnt, sollte man zuerst den Dreck und das Koks unter den eigenen Fingernägeln beseitigen, bevor man hohe Töne spuckt, wie in etwa, dass man für die Präsidentschaft (oder für den Bürgermeister) kandidieren möchte. Ein gewisser Hauch von Pablo Escobar liegt wieder in der Luft, Wien wird zu Medellín. Naja, einen kleinen Unterschied gibt’s aber doch: Pablo konsumierte kein Koks, denn er wollte es nur an die Amerikaner verkaufen und nicht gleich das ganze Land an eine russische Oligarchin. Bitte zuerst den Boden im Haus sauber machen, bevor man sich um das Unkraut im Garten kümmert!

Bananenrepublik

Der Begriff Bananenrepublik raubt mir in den letzten Monaten immer öfter den Schlaf. Da ich nach sieben Monaten immer noch auf eine Therapie warte, therapiere ich mich gelegentlich selber. Dazu höre ich mir einmal in der Woche auf Puls24 gegen 14 Uhr Herbert Kickl’s hitlerähnliche Zitate an, für die es – im Gegensatz zu Horrorfilmen – keine Altersbeschränkung gibt. Der Sinn der Therapie besteht darin, den Fernseher nicht mit dem Sessel in hunderttausend Einzelteile zu zerschlagen, während er sich über kleine Kinder in Afrika lustig macht, die nichts zu essen haben. Bei sogenannten Möchtegern-Spitzenpolitikern und deren Aussagen, sollte man sich nicht mehr wundern, wenn kleine Kinder zu Dschihadisten oder Neonazis mutieren, obwohl sie sich gerade in einem Alter befinden, in dem nicht einmal die Achselhaare ausgereift sind.

Ich frage mich, wieso ich mir von zwei uniformierten Wesen mit einem Mangel an Bildung anhören muss, wie sie sich über die Namen meiner Eltern lustig machen, wenn ich ein Telefonansuchen abgebe. Welch Ironie des Schicksals, dass Frau Alma Zadić genau an jene Beamten eine Lebensrettermedaille verteilen will, die einfach nur so tun, als ob sie nichts gehört hätten, wenn ein Häftling die Justizministerin herabwürdigt. Würde sie diesen Vorfall auf meine Persönlichkeitsstörung zurückführen? An dieses Sumpfloch, das den Namen Mittersteig trägt, sollte man wohl eher Lebenszerstörermedaillen verteilen. Dieses Sumpfloch schafft es nicht einmal, seine eigenen Beamten zu integrieren, wie soll es dann geistig abnorme Rechtsbrecher resozialisieren, die im Treibsand untergehen.

Man sollte sich die ganz einfache Frage stellen, warum kam es zu diesem Brand, dass ein Häftling so tobte. Wahrscheinlich, weil die Haltung der Häftlinge nicht der gerechten Haltung für Häftlinge des EGMR’s (Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte) entspricht. Auch wenn ich von der neuen Justizministerin ein klein wenig enttäuscht bin, habe ich den Wunsch, ihr persönlich einen Brief zu schreiben. Ich unterlasse es aber, weil dieser Brief sowieso nie in ihre Hände gelangen würde. Im Wunschbrief würde ich ihr zu ihrer bewundernswerten Karriere herzlichst mit den Worten gratulieren, dass sie den Bosnienkrieg überlebt hat und daher auch die Kasperln im Hitlerkostüm überleben wird.

Danke!

Dieses Schreiben ist eine Danksagung und keine Hasspredigt. Den Damen und Herren von der Organisation SiM, die sich für Menschenrechte einsetzen, gebührt ein großes Danke. Die Häftlinge freuen sich auf die Blickpunkte, wie kleine Kinder auf Schokolade. Markus Drechsler, den Leiter und Gründer der Organisation SiM, muss man auch separat erwähnen. Da ich nach sieben Monaten noch keinen richtigen Therapeuten sah oder habe, übernahm mein Anwalt bis jetzt diesen Job. Hierfür möchte ich ihm meinen großen Dank zukommen lassen.

Heutzutage gilt man als integriert, wenn man einem Menschen wie Christoph Columbus einen Heldenstatus zuschreibt. Einem Menschen, der nicht darauf aus war, die Welt zu entdecken, sondern nur seine Schiffe mit Gold beladen wollte. Ein Goldrausch, der sich in einen Blutrausch verwandelte. Die armen Indianer tun mir heute noch leid. Es folgte eine Kettenreaktion der Versklavung. Mit der Zeit verwandelte sich das glänzende Gold in das sogenannte schwarze Gold.

Die Bodenschätze anderer Länder zu plündern ist heute noch Tradition so mancher Länder. Dass dabei kleine Kinder aus ihren Dörfern vertrieben oder gar abgeschlachtet werden, um dort eine Pipeline zu bauen, interessiert nur die Wenigsten. Tja, die Hure Babylons, die sich über die ganze Welt verteilt.

Da würden mir sogar die Grünen Recht geben, natürlich bezogen auf meinen Sarkasmus und nicht auf das Töten.

Man könnte ja was anderes abschafften, wenn man schon die Maßnahme nicht abschaffen kann. Ein Anfang wäre, dass man kleinen Kindern in der Volksschule nicht mehr eintrichtert, dass die Sklaverei in Europa vor geraumer Zeit abgeschafft wurde.

Ich erinnere mich noch, als ich ein kleines Milupakind war, das aus Milupagläsern fraß, stand die Frage im Raum, ob die Türkei der europäischen Union beitreten soll. Österreich war das Land, das am meisten Krawall machte, sie müsse die Todesstrafe abschaffen. Mhmm, Unterdrückung ist schlimmer als das Töten selbst.

Die Giftspritze wäre mir lieber als die Depotspritze meines Psychiaters Doktor Frankenstein. Ebenso wäre mir der elektrische Stuhl lieber als der Sessel der Justizanstalt. Ich fühle mich als Geldesel der Regierung. Das ist das Beduinenzelt des einundzwanzigsten Jahrhunderts.

Untergebrachter im Maßnahmenvollzug, JA Mittersteig

In Gedenken an Georg Floyd und viele andere Georg Floyds: Österreichs verstecktes Guantanamo

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