Aus dem Alltag einer evangelischen Gefängnisseelsorgerin

Seit 2010 besucht Christine Hubka Inhaftierte und macht ihnen auf diese Weise ein Beziehungsangebot. In einigen Fällen ist sie für die Personen eine der stabilsten Kontakte. Doch unterstützt sie nicht nur Inhaftierte, sondern hilft auch Missverständnisse zwischen InsassInnen und deren Angehörige aufzuklären.

© Markus Drechsler

Blickpunkte: Wie entsteht der Kontakt zu den Inhaftierten?

C. Hubka: Ich komme mit den InsassInnen in Kontakt darüber, dass sie schreiben, sie wollen von mir besucht werden.

Blickpunkte: Also geben die Leute auch an, von wem sie besucht werden möchten?

C. Hubka: Die InsassInnen müssen, wenn sie beispielsweise einen Arzt sehen wollen, einen so genannten 11er-Zettel schreiben. Ähnlich ist das bei der Seelsorge, nur dort differenzieren die Inhaftierten und schreiben, wen sie sehen wollen. Wir waren in der Josefstadt bis November zu dritt und hatten in jeder Abteilung ein Plakat mit Fotos, Namen und unserem Angebot hängen. Aber neben den Plakaten gibt es Empfehlungen über Mundpropaganda oder eben auch über den psychologischen Dienst.

Blickpunkte: Viele haben am Anfang vielleicht Hemmungen, weil sie die Vorstellung haben, es würde hauptsächlich um religiöse Themen gehen, oder?

C. Hubka: Ja, aber ich belästige ja niemanden mit Religion, wenn das nicht gewünscht ist. Darum geht es in der evangelischen Seelsorge nicht. Evangelische Seelsorge hat erst einmal mit Religion nur soweit zu tun, dass der Boden auf dem ich stehe, das Menschenbild der evangelischen Kirche ist. Und das ist ein sehr menschfreundliches, d.h. jeder Mensch ist „simul iustus et peccator“, also zugleich Gerechter und Sünder. Da gibt es keine Ausnahme, d.h. in dem Moment, wo ich jemandem gegenüber sitze, sitzen wir als Gleiche gegenüber, denn dieser Satz trifft auf uns beide zu. Und so kriege ich recht häufig die Rückmeldung, ich sei die Einzige, die demjenigen als gleichwertiges Gegenüber begegnet. Das kann aber manchmal natürlich auch hart sein, weil ich auch Dinge anspreche, die mir auffallen.

Blickpunkte: Wie stellt sich das aus ihrer Erfahrung dar? Wie wichtig ist es, die Angehörigen oder das soziale Netz hinter sich zu wissen und nicht ganz zu verlieren?

C. Hubka: Also ich glaube, „nicht ganz zu verlieren“ trifft in den wenigsten Fällen zu, sondern ein neues zu gewinnen. Unter Umständen auch ein Netz aufzubauen, das sehr anders aussieht als vor der Haft, also nicht die alten Haberer, nicht die Partie von früher. Und da leisten die Besuchsdienste von außen wirklich eine unverzichtbare Arbeit, z.B. die Gerichtshilfe oder die von SiM. Das sind dann Leute aus einem gesellschaftlichen Kreis, mit denen die InsassInnen bisher nie in Kontakt getreten sind. Diese ganz andere Art des Daseins und das Gefühl vermittelt zu bekommen, diese Personen kommen tatsächlich nur wegen mir, sind heilsam und unglaublich wirksam. Ein Insasse, den ich seit 2010 begleite, erzählte mir, ohne die verlässliche Beziehung zu mir hätte er es nicht geschafft weiterzumachen. Er absolvierte ein Kurzstudium und macht jetzt eine weitere Ausbildung. Es geht ausschließlich um die Erfahrung, ich komme nur wegen dir und es geht nicht darum, dass du lieb und brav bist, oder dass du bereust, sondern es geht darum, wie du heute bist und um dich. Es handelt sich um ein Beziehungsangebot. Und es kommt auch sehr viel zurück.

Blickpunkte: Haben Sie auch Kontakte zu den Angehörigen der Inhaftierten?

C. Hubka: Ja, ich versuche die Kommunikation bzw. das Verstehen zwischen den InsassInnen und deren Angehörigen zu ermöglichen. Das Problem ist ja, dass es gerade in der U-Haft zwischen den Inhaftierten und der Familie keine Kommunikation gibt. Eine Frau hat ein Baby mit einem Mann, der erst kurz in U-Haft ist. Sie wusste am Anfang nicht, dass er festgenommen wurde. Als sie davon erfuhr, versuchte sie Kontakt aufzunehmen. Da jedoch die Erlaubnis vom Haftrichter fehlte, konnte sie ihn nicht besuchen. Daher war es ihr wichtig, dass er erfährt, warum sie ihn nicht besuchen konnte und [sie] bat mich ihn zu informieren. Ihr Partner hatte währenddessen in der U-Haft viel Zeit, sich Gedanken zu machen und dachte, sie wolle keinen Kontakt mehr. Bei meinem Besuch sagte ich, sie tue alles, um ihn bald besuchen zu können. Auch bei Anrufen aus dem Gefängnis gibt es häufig Probleme. Er wollte sie anrufen, aber ihm wurde die Nummer nicht freigeschaltet, weil das Gericht noch keinen Kontakt erlaubt hat. Also macht sie sich ebenfalls Gedanken, warum er sich nicht meldet. In diesen Situationen bekommen die Beziehungen schon die ersten Knackse. Wenn sie dann das erste Mal kommunizieren, sind beide so angefressen, dass sie sich über ihren Kontakt nicht freuen können.

Blickpunkte: Aufgrund der erschwerten Kommunikation sind Missverständnisse also vorprogrammiert.

C. Hubka: Ja, genau. So wissen viele InsassInnen nicht, welchen Herausforderungen sich ihre Angehörigen stellen müssen, weil sie nun häufig für viele Dinge plötzlich allein zuständig sind. Im Gegenzug kann sich die Familie im Handy-Zeitalter kaum vorstellen, dass Inhaftierte zum ausgemachten Termin nicht anrufen, weil z.B. das Telefon im Stock kaputt ist oder das Geld zum Telefonieren nicht rechtzeitig auf das Konto überwiesen wurde. Hier möchte ich ansetzen und Wahrnehmung sowie Bewusstsein schaffen. Daher ist es mir ein Anliegen zu erklären, dass für diese Misere keiner etwas kann, dass sie mit dem Haftsystem zusammenhängt, und somit nichts mit der Beziehung zu tun hat.

Christine Hubka ist evangelische Pfarrerin i. R.; derzeit Gefängnisseelsorgerin in der Justizanstalt Josefstadt in Wien. Preisträgerin des Bruno Kreisky Menschenrechtspreises. Autorin zahlreicher Sendungen im ORF-Radio und mehrerer religionspädagogischer Fachbücher sowie Kinderbücher (z.B. Reite den Drachen). Ebenso veröffentlichte sie Bücher zum Thema Haft (z.B. Die Haftfalle und Nach der Haft).

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